Der Kampf gegen den Terrorismus ist längst ein Kampf um Bilder und Aufmerksamkeit geworden, bei dem es darum geht, die Deutungshoheit über die Ereignisse zu erlangen. Und auf diesem Schlachtfeld haben sich die Urheber der Gewalt in Stellung gebracht.

Wie die Online-Zeitung «The Daily Dot» unter Berufung auf einen syrischen «Bürgerjournalisten» berichtet, hat der Islamische Staat (IS) in der irakischen Stadt Mossul einen eigenen TV-Sender lanciert. Der Kanal, BEIN HD4, der über das Signal des ägyptischen Satellitenbetreibers Nilesat ausgestrahlt wird, soll dem Bericht zufolge eine halbe Million Menschen erreichen. Ein Screenshot zeigt einen Mann mit Kufiya, kugelsicherer Schutzweste und Maschinengewehr. Unklar ist bislang, ob der neue IS-Kanal die offizielle Erlaubnis der staatlich kontrollierten ägyptischen TV-Anstalt bekommen hat oder illegal auf der Welle des katarischen Sportkanals «BEIN Sports» sendet.

Der Start eines eigenen Fernsehsenders ist Teil einer umfassenden Medienstrategie. Mit dem Al Hayat Media Center besitzt die Terrormiliz ein eigenes Medienzentrum, in dem Propagandavideos in verschiedenen Sprachen (Englisch, Französisch, Russisch, Deutsch) produziert werden. Die Filme sind aufwendig inszeniert, mit ausgefeilten Animationen, Schwarz-Weiss-Bildern und perfekter Choreografie. In einem jüngsten Film, der wie ein bombastischer Blockbuster daherkommt, werden die Anschläge auf Paris als Triumph gefeiert («Paris Has Collapsed») und die Attentäter zu Heroen verklärt.

Die Filme kopieren auf perfide Art die Erzähltechnik des amerikanischen Kinos – und zielen auf virale Verbreitung ab. In Windeseile verbreitet sich das Propagandamaterial in sozialen Netzwerken. Der Islamische Staat verfügt über 46 000 Twitter-Konten. Die Netzwerkbetreiber sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, sie liessen sich als Propaganda-Plattform von Terroristen instrumentalisieren. Twitter wurde kürzlich von der Witwe eines amerikanischen Soldaten verklagt, der bei einem Angriff auf einen jordanischen Polizeistützpunkt ums Leben kam. Auf Druck der Politik will Twitter nun Unterstützer-Accounts löschen. Der in Berlin ansässige Messaging-Dienst Telegram, über den die Terroristen kommunizierten, hat bereits über 100 Kanäle blockiert.

Weil soziale Netzwerke zunehmend restriktiver mit Konten umgehen, verlegt sich der IS auf eigene Verbreitungskanäle. Computerspezialisten der Terrormiliz haben unlängst eine eigene Krypto-App auf Android entwickelt, über die sich verschlüsselte und für die Geheimdienste schwer zu identifizierende Botschaften austauschen lassen.

Das Al Hayat Media Center gibt mit «Dabiq» ein eigenes Propagandamagazin heraus, das monatlich in einem Umfang von rund 60 Seiten digital erscheint. In der jüngsten Ausgabe des Online-Magazins wird der Tod des Terroristen «Jihadi John» mystifiziert, in anderen Artikeln wird von «Kreuzzügen» und «Endschlacht» schwadroniert. Die Publikation ist plump und relativ billig aufgemacht, trotzdem erzielt die Propaganda gerade in der Drastik der Bilder und Aussagen ihre Wirkung.

Der Islamische Staat fährt seine Antennen in alle Himmelsrichtungen aus. Im Dezember hat die Terrormiliz einen eigenen Radiosender («The Voice of Caliphate») in Khorasan im Grenzgebiet von Pakistan und Afghanistan gestartet, der auf UKW sendet und Anti-Taliban-Propaganda verbreitet. Die Terrormiliz versucht offenbar, den Taliban-Kämpfern Unterstützer abzujagen.

Das Interessante an der Strategie ist, dass sich der Islamische Staat sowohl klassischer (Radio, Fernsehen) als auch neuer Medien (Twitter, Facebook) bedient. Zwar haben die Behörden in der Provinz Nangarhar die Radiosignale zum Teil unterbinden können. Doch der IS lädt seine Radio-Einspieler via Speaker ins Internet hoch, wo sich die Anhänger die Propaganda als Podcast herunterladen können. Flankiert wird die Radiopräsenz über die Fernsehanstalt im Irak.

Der Politikwissenschafter Alex P. Schmid, Direktor der Terrorism Research Initiative (TRI), sagt: «Im Herrschaftsgebiet braucht der IS alle klassischen Medien, im Ausland vor allem soziale Medien.» Der Start einer eigenen TV-Station ist damit der Versuch, eine Art Staatsmedium zu etablieren.

Die Frage ist, wie man dieser Propaganda, die bei immer mehr Jugendlichen in Europa verfängt, entgegentritt. Allein mit der Löschung von Accounts ist es nicht getan. «Wenn der Westen täte, was er sagt, und sagt, was er tut, wäre schon viel gewonnen», kritisiert Terrorexperte Schmid. Mit Bundesgenossen wie Saudi-Arabien, das ja ideologisch nicht weit vom IS entfernt ist, liesse sich «keine gute Figur machen». Langfristig könnte sich die Löschung von Twitter-Accounts als stumpfes Schwert erweisen, wenn die Terrormiliz weiter dazu übergeht, über TV- und Funkanstalten die unterjochte Bevölkerung zu infiltrieren.

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