Die Leserinnen und Leser von «Horizonte», dem Pfarrblatt der Aargauer Katholiken, erfuhren in der Ausgabe vom 29. Juni, dass sich die Herausgeber gezwungen sehen, ab nächstem Jahr vom wöchentlichen auf einen Vierzehntagerhythmus zu wechseln. Der Grund sei ein massiver Preisaufschlag der Schweizerischen Post für die Mitgliederpresse, begründet Redaktionsleiter Andreas Müller die Massnahme. Er beziffert die Mehrausgaben auf 400 000 Franken pro Jahr.

Noch schlimmer erging es den Empfängern von «Infrarot», der Mitgliederzeitung der Juso Schweiz. Sie sah sich wegen der höheren Posttarife im vergangenen Jahr gezwungen, die gedruckte Ausgabe einzustellen und auf einen Online-Blog auszuweichen.

«Andere nicht gewinnorientierte Organisationen werden ähnliche Schritte unternehmen», sagt Felix Wirz, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft Mitgliederpresse. «Die ganze Mitglieder- und Stiftungspresse ist betroffen, insgesamt 1082 Titel.»

In Bedrängnis geraten die Vereinszeitschriften wegen zwei Preisanpassungen der Post. Erstens gilt seit 2013 ein einheitliches Preissystem für alle Zeitungen und Zeitschriften. Für die Regional- und Lokalpresse wurde der Transport damit im Schnitt über 30 Prozent günstiger. Für die Mitgliedschafts- und Stiftungspresse hingegen stiegen die Preise im Schnitt um 6 Prozent an, wie Post-Sprecher Bernhard Bürki bestätigt. Zusätzlich beschloss die Post eine Erhöhung des Grundpreises pro Exemplar von je 2 Rappen für die Jahre 2014, 2015 und 2016. Obwohl es dagegen heftige Kritik hagelte, halte die Post daran fest, sagt Bürki.

Für viele Mitgliederzeitungen resultieren massive Mehrkosten, wie eine Umfrage zeigt: Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Schweiz beziffert sie für ihre Zeitschrift «Amnesty« auf 22 Prozent oder 38 000 Franken pro Jahr. Der Versand der «Gewerbezeitung» kostet den Schweizerischen Gewerbeverband 50 000 Franken oder 24 Prozent mehr. Die Zeitschrift «Sarasani» kostet die Pfadibewegung Schweiz 21 600 Franken oder 18 Prozent mehr.

Bei «Panissimo» des Schweizerischen Bäcker-Confiseurmeister-Verbandes haben die Posttarife sogar um über 50 Prozent oder 27 000 Franken zugenommen. «Ein derart massiver Anstieg ist für uns völlig inakzeptabel», sagt Direktor Beat Kläy. «Er gefährdet ernsthaft die künftige Herausgabe unseres wöchentlichen Publikationsorgans.» Er hat erfolglos beim Preisüberwacher interveniert und überlegt sich nun eine Änderung des Erscheinungsrhythmus.

Eine der grössten Mitgliederzeitschriften der Schweiz, die TCS-Zeitung «Touring», wird womöglich Ausgaben einsparen müssen. Verlagsleiter Reto Kammermann sagt, die höheren Posttarife verursachten jährliche Mehrkosten von 1,5 Millionen Franken oder 15 Prozent. Andere Zeitungen wollen die höheren Tarife auf ihre Leser abwälzen, darunter die «Schreiner-Zeitung» des Schweizerischen Schreinermeisterverbandes.

Harsche Kritik an der Post übt die Gewerkschaft Unia. Alleine bei ihrer deutschsprachigen Zeitung «Work» resultieren bis 2016 jährliche Mehrkosten von 142 600 Franken oder 34 Prozent. Die Unia überlegt sich nun eine Anpassung des Erscheinungsrhythmus ihrer Zeitungen, sagt Geschäftsleitungsmitglied Nico Lutz. «Es ist unverständlich, dass die Post trotz einem Konzerngewinn von 626 Millionen Franken die Tarife für die Vereinspresse erhöht, die in einer Demokratie zentral ist. Das ist eine Beschneidung der Meinungsvielfalt.»

Die Post kontert, sie erleide im Zeitungstransport einen jährlichen Verlust von rund 100 Millionen Franken. Davon entfalle ein grosser Teil auf die Mitgliedschaftspresse, sagt Sprecher Bernhard Bürki. Die Preiserhöhung sei nötig, damit das Defizit in dieser Höhe nicht von den anderen Kunden getragen werden muss. In drei Jahren werde das Defizit mit den Preiserhöhungen auf etwa 50 Millionen Franken halbiert. Damit subventioniere die Post die Vereinspresse immer noch – und zwar freiwillig.

Ob die höheren Zustellpreise der Post zulässig sind, muss jetzt das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) beurteilen. Denn der Verband Schweizer Medien und eines seiner Mitglieder haben dagegen eine Aufsichtsbeschwerde eingereicht. Einen Entscheid hat das Bakom noch nicht getroffen.

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