Herr Maymann, haben Sie heute eine Zeitung gelesen?
Jimmy Maymann: Ja, die «Financial Times» heute auf dem Flieger von London nach Zürich. Ich liebe Zeitungen, aber ich gebe zu, dass ich unter der Woche keine mehr lese, da mir schlicht die Zeit fehlt. An Wochenenden hingegen schon.

Glauben Sie, dass es gedruckte Zeitungen in zehn Jahren noch geben wird?
Ich glaube nicht, dass sich das klassische Zeitungsgeschäft dann noch finanzieren lässt. Für Wochenendzeitungen sehe ich hingegen auch in Zukunft noch Chancen. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob die Jungen, die ohne Zeitungen aufgewachsen sind, am Sonntag noch eine gedruckte Zeitung lesen werden.

Der Leserschwund bei den Zeitungen in Europa hat sich in diesem Jahr deutlich beschleunigt. Was müssen Verlage tun, um ihre Leser halten zu können?
Die Verlage beginnen erst jetzt zu realisieren, dass der Wandel sehr schnell voranschreitet. Daher wollen sie sofort eine Lösung. So funktioniert es aber nicht. Die Veränderung braucht Zeit. Die Verlage müssen sich Schritt für Schritt den neuen Begebenheiten anpassen. Die meisten haben dafür keine Strategie.

Wenn ein Verlag seine publizistische Stimme erhalten will, ist er gezwungen, die Umsätze, die er mit den gedruckten Zeitungen verliert, irgendwie zu kompensieren. Das Problem ist, dass die klassischen Erträge sehr viel schneller wegfallen, als sie durch neue Umsatzquellen ersetzt werden können. Was können Verleger tun?
Ich bin überzeugt, dass die Verlage erfolgreich neue Subskriptionsmodelle einführen könnten. Die überall diskutierten Paywalls sind jedoch keine Lösung, da sie einfach das bestehende Abonnentensystem in die Onlinewelt transferieren. Das kann nicht funktionieren, da die Onlinewelt eine komplett andere ist. Zudem haben sich viele Leser längst an die Gratiskultur Internet gewöhnt.

Wie sollte denn ein zukunftstaugliches Subskriptionsmodell aussehen?
Es müsste viel ausgeklügelter sein als die heutigen Zeitungsabos. Warum soll jemand den gleichen Inhaltsmix aufgetischt bekommen wie ich? Ich gehe davon aus, dass diese Person sich für andere Dinge interessiert als ich. Das würde heissen: Jeder Leser kann sich ein massgeschneidertes Angebot zusammenstellen. Die Technologie kann das ohne Probleme leisten. In der Schweiz wäre es sogar möglich, jedem einzelnen Bürger ein individuelles Angebot anzubieten.

Für welche Inhalte würden Zeitungsleser Geld ausgeben?
Die gute Nachricht ist: Laut einer Untersuchung des Reuters Institute sind 15 bis 20 Prozent der Leser durchaus bereit, für Inhalte zu bezahlen. Das Newsprodukt muss sich aber deutlich von denjenigen unterscheiden, die heute angeboten werden. Simple Nachrichten lassen sich nicht verkaufen. Die «Huffington Post» oder die BBC decken das bereits ab. Die Zeitungen müssen also herausfinden, wo ihre Stärken liegen. Ist es Kultur, Sport, Wirtschaft, Finanzen, Lokales? Um diese Kompetenzen herum müssen Verlage Produkte entwickeln, die sich bei ihrer Leserschaft vermarkten lassen. Bis jetzt laufen Bezahlangebote nur in Nischen wirklich gut, wie etwa beim «The Economist» oder der «Financial Times».

Online ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Ihre «Huffington Post» ist mit 110 Millionen Lesern monatlich eine der grössten Newssites der Welt. Trotzdem schreiben Sie seit Jahren nonstop Verluste.
Das stimmt. Aber wir werden dieses Jahr erstmals einen Gewinn schreiben.

Sie gehen stark Richtung Native Advertising, also im redaktionellen Teil eingebettete PR- und Werbebotschaften. Bringen Sie damit nicht den Journalismus um?
Nein, da bin ich überhaupt nicht einverstanden. Entweder können Sie innovativ sein und kommen mit einer neuen Idee, um den Journalismus zu retten. Oder Sie können die Entwicklung verschlafen und untergehen. Eine Onlinepublikation muss herausfinden, wo die Balance liegt zwischen Werbung und Inhalt. Findet sie diese nicht, springen die Leser schnell ab, und man kann reagieren.

Wie glücklich sind Sie eigentlich mit der Entwicklung der deutschen Ausgabe der «Huffington Post», die vor knapp einem Jahr an den Start ging?
Wir befinden uns da noch in einem frühen Stadium. Ich muss sagen, dass ich insgesamt recht zufrieden bin, wie es läuft. Als wir starteten, hatten wir viele Gegner und eine sehr schlechte Presse.

Aber Sie können nicht annähernd mit den Grossen mithalten. Da können Sie nicht zufrieden sein.
Sicher, aber wir sind Nummer 15 im Markt. Wenn wir in einen Markt gehen, möchten wir in drei bis vier Jahren in die Top 5 kommen. Das ist immer noch unser Plan.

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