VON FELIX STRAUMANN

In Vancouver gehen die Schweizer Olympioniken mit einem Wissensvorsprung ins Rennen. Ab dem kommenden Freitag werden sie erstmals bereits 12 bis 24 Stunden vor dem Start wissen, wie der Schnee auf der Piste beschaffen sein wird, und können so ihr Material rechtzeitig optimieren. «Dies kann ein entscheidender Vorteil sein», sagt Hansueli Rhyner, Schneeforscher am Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos (SLF). «Ausser den Schweizern hat sonst niemand solche Prognosen.»

Unter der Leitung von Hansueli Rhyner waren SLF-Forscher die letzten beiden Jahre jeweils im Februar in Vancouver, wo sie sämtliche Strecken mit GPS ausgemessen und mithilfe von Wetterstationen und Handmessungen Daten aufgenommen haben. Mit diesen Informationen fütterten sie Computermodelle, die ihnen Kurzzeitprognosen zur Schneeoberfläche ermöglichen.

Drei SLF-Forscher sind bereits wieder vor Ort und werden, wenn es losgeht, die offiziellen Wetterdaten und eigene Messungen für ihre Berechnungen verwenden. «Die Rennstrecken sind schon seit zwei Jahren ziemlich genau bekannt», so Rhyner. Einzig in Cypress, bei den Snowboardern und Freestylern, gebe es Unsicherheiten, weil unter Umständen zu wenig Schnee für alle Steilwandkurven vorhanden sei. «Wir sind aber dagegen gewappnet.»

«Die frühzeitigen Schneeprognosen geben den Serviceleuten die Möglichkeit, Skibelag und Kanten zu präparieren sowie den idealen Ski und das richtige Wachs zu wählen», erklärt Peter Läuppi, Ausbildungschef bei Swiss Ski. «Besonders wichtig ist dies beim Langlauf, wo die Sportler je nach Disziplin anderthalb Stunden auf den Ski unterwegs sind.»

Bei der letzten Winterolympiade 2006 setzte man die Kurzzeitprognosen bei der Damenabfahrt in Sestriere bereits ein. Vorher und nachher kamen sie zudem bei einzelnen Weltcuprennen zum Einsatz. In Vancouver profitieren nun erstmals alle Schneesportarten und die Rodler von den Prognosen. Vor allem aber sind die Computermodelle stark verbessert worden. Rhyner: «Wir konnten das System im vergangenen Jahr massiv weiterentwickeln.» So werden nun Waldschneisen sowie Schatten- und Sonnenseiten des Geländes einbezogen. Diese topologischen Informationen beeinflussen zusätzlich die Strahlungsbilanz auf der Piste und damit die Temperatur der Schneedecke, die wiederum die Beschaffenheit bestimmt.

Werden die Schweizer dank dem von Swiss Olympic und den Sportverbänden finanziertem Wissensvorsprung siegreich sein? «Man muss alles probieren, wenige Hundertstel können über Medaillen entscheiden», sagt Läuppi. In Vancouver zeichnen sich Schneeverhältnisse ab, bei denen die Schneeprognosen eine wichtige Rolle spielen könnten. Während sich die Schneedecke bei stabiler Wetterlage mit deutlichen Minustemperaturen kaum verändert, kann bei Temperaturen gegen den Nullpunkt ein Grad Unterschied viel bewirken. Läuppi: «Vancouver ist berüchtigt für schnelle Wetterwechsel und grosse Temperaturunterschiede zwischen Start und Ziel.»

Doch die Schneeforschung ist auch psychologisch wichtig: «Die Athleten wissen, dass sie mehr haben als die anderen», sagt Rhyner. «Das gibt ihnen hoffentlich zusätzliche Zuversicht. Ob dies über Medaillen entscheidet, wird sich zeigen.»

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