Tamedia-Verwaltungsrat Iwan Rickenbacher formulierte kürzlich eine hoffnungsvolle These: Die Jungen, die sich in der Occupy-Bewegung engagieren, würden automatisch von Gratiszeitungen auf kostenpflichtige Medien umsteigen. Weil sie nur dort eine vertiefte Auseinandersetzung mit ihren Anliegen vorfänden.

Die These ist gut, hält aber leider der Realität nicht Stand. Die Berichterstattung in Schweizer Medien über die einheimischen Ausläufer der weltweiten Proteste bewegte sich überall in ähnlich oberflächlichen Bahnen. Etwas Augenschein vor Ort, ein paar Porträts – und dann der obligate Live-Ticker bis zur polizeilichen Räumung.

Warum sollten die Jungen genau bezahlen wollen? Um den Selbsterfahrungs-Trip einer «NZZ am Sonntag»-Journalistin zu lesen, die in eisiger Kälte im Occupy-Camp zeltete? Um in der mit einer Wärmebildkamera ausgerückten «SonntagsZeitung» zu erfahren, dass in den Zelten auch tatsächlich jemand schläft?

Die deutsche «Zeit» nahm die Bewegung zum Anlass, in einer mehrteiligen Serie die «Alternativen zum Kapitalismus» auszuleuchten. In den USA beschäftigten sich die besten Reporter mit den Protesten, was in denkwürdigen Sätzen gipfelte: «Für den letzten Volksaufstand flog ich nach Kairo. Jetzt nehme ich die Subway an die Wall Street.»

Es geht gar nicht darum, die Bewegung medial hochzujubeln. Auch Kritik ist gefragt. Engagierte Bürger, so lautete Rickenbachers Fazit, wollen engagierte Medien. Das ist richtig. Jetzt muss es sie nur noch geben.

Die «NZZ», die diese Woche ankündigte, dass künftig auch ihre OnlineInhalte kosten werden, dreht die Qualitätsspirale endlich wieder in die richtige Richtung: nach oben. Im digitalisierten Medienmarkt wird sich nur noch aussergewöhnlich guter Journalismus verkaufen lassen. Zelten gehen reicht da nicht mehr.

Beantworten Sie dazu die Sonntagsfrage.

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