Ein Sturm der Entrüstung fegte durch NZZ-Redaktion und Öffentlichkeit, nachdem die «Schweiz am Sonntag» letztes Wochenende publik machte, dass «Basler Zeitung»-Chefredaktor Markus Somm die Nachfolge des abgesetzten NZZ-Chefs Markus Spillmann antreten sollte.

Die Protestwelle traf die NZZ-Verwaltungsräte mit Wucht. Anrufe und Mails von empörten Aktionären und aufgeschreckten FDP-Politikern mündeten im Verlauf des Sonntags in einer Krisensitzung des Verwaltungsrats. An einer Telefonkonferenz entschied das Gremium unter dem immensen Druck, die Somm-Übung umgehend abzubrechen.

Aufgeschreckt hatte den NZZ-Verwaltungsrat neben den Reaktionen aus dem Aktionariat vor allem die offen ausgesprochene Kündigungsdrohung der gesamten Interims-Redaktionsspitze – bestehend aus Nachrichtenchef Luzi Bernet, Inlandchef René Zeller und Print-Bereichsleiterin Colette Gradwohl. Unklar bleibt, ob der Verwaltungsrat Somm bereits am Sonntag über den Rückzieher informierte oder erst am Montagmorgen. Sicher ist, dass Markus Somm am Montagmittag mit seiner öffentlichen Verzichtserklärung der NZZ-Führung zuvorkam und damit die Darstellung prägen konnte, er habe selber nach «reiflicher Überlegung» seine Kandidatur zurückgezogen. Der BaZ-Chefredaktor wollte auch diese Woche keine Auskunft erteilen. «Es ist alles gesagt», teilte er per Mail mit.

Somms Verzichtserklärung platzte in der NZZ-Redaktion mitten in die Vorbereitungen für Kampfmassnahmen. Neben zwei offenen Briefen, in denen zunächst 60 Korrespondenten und dann auch 163 Redaktorinnen und Redaktoren an die Verwaltungsräte appellierten, keinen «Exponenten nationalkonservativer Gesinnung» zum Chefredaktor zu machen, wurde zu Wochenbeginn sogar erwogen, die Frontseite der gestrigen NZZ-Samstagsausgabe als Ausdruck des Protests als leere weisse Seite in die Druckerei zu schicken. Somms Absage war für die NZZ-Redaktion eine grosse Erleichterung, die sich in übermütigen Tweets und einem subversiven NZZ-Online-Artikel mit dem Titel «#NZZgate: Some like #Somm not» niederschlug. Ganz verflogen war die Wut damit aber nicht: Sie richtete sich im Verlauf der Woche zunehmend gegen den Verwaltungsratspräsidenten Etienne Jornod, der bei der Mitarbeiterinformation über die Absetzung von Markus Spillmann am Dienstag vor einer Woche der Redaktion verschwieg, dass die Kandidatur Somm im Verwaltungsrat in zwei Abstimmungen bereits durchgewinkt worden war – bevor er sich auf eine zweitägige Geschäftsreise nach Asien machte, mit einer anschliessend geplanten dreiwöchigen Ferienreise durch Vietnam.

Eine erste Annäherung zwischen den aufgebrachten Ressortleitern und dem Verwaltungsrat, vertreten durch Anwalt Christoph Schmid und Werber Dominique von Matt, fand am Dienstag statt. An diesem Treffen wurde der Redaktion das zuvor nicht gewährte Anhörungsrecht für den Neustart der Chefredaktorensuche zugesichert. Auch wurde die Redaktionsleitung darüber in Kenntnis gesetzt, dass Jornod seine Ferienreise abbricht und nach Zürich zurückfliegt, um persönlich die Wogen zu glätten.

An diesem Treffen am Donnerstagmorgen um 9 Uhr, an dem neben den Ressortleitern auch «NZZ am Sonntag»-Chefredaktor Felix E. Müller teilgenommen hat, entschuldigte sich der «zerknirschte Jornod» – so ein Teilnehmer des Treffens – bei der Redaktion für den ausgelösten «Shitstorm», stellte sich jedoch weiterhin auf den später auch öffentlich kommunizierten Standpunkt, dass der Ernennungsprozess mit Somm «nicht abgeschlossen, sondern abgebrochen» wurde.

Dieser Darstellung von Etienne Jornod widersprechen übereinstimmende Quellen vehement: In der ersten Abstimmung gegen Spillmann und für Somm hatten die Verwaltungsrätinnen Karin Keller-Sutter, FDP-Ständerätin des Kantons St. Gallen, und Unternehmerin Carolina Müller-Möhl noch Vorbehalte gegen den BaZ-Chef vorgebracht und sich der Stimme enthalten. In einer zweiten Abstimmung votierte der Verwaltungsrat einstimmig für Markus Somm als NZZ-Chefredaktor. Als ungeklärter Diskussionspunkt blieb einzig noch, dass Somm neben dem NZZ-Chefposten gerne weiterhin BaZ-Herausgeber geblieben wäre – ansonsten war die Sache geritzt. Was Jornod beim Treffen mit der Redaktionsleiterin implizit auch eingestanden hat, da Somm gemäss seiner Aussage auf der angeblichen Kandidatenliste zuletzt als Einziger noch übrig geblieben war.

Trotzdem konnte Verwaltungsratspräsident Jornod die revoltierende Redaktion beruhigen – unter anderem mit der geplanten Einführung eines «Weisenrats» aus Redaktionsmitgliedern, der den Verwaltungsrat bei der Suche nach dem Spillmann-Nachfolger unterstützen soll.

Weniger glimpflich könnten Jornod und die übrigen acht Verwaltungsratsmitglieder an der NZZ-Generalversammlung im April 2015 davonkommen. Aus dem Aktionariat verlautet, dass die Einberufung einer ausserordentlichen GV zwar vom Tisch sei, die «offensichtliche Unfähigkeit» des Gremiums aber Thema der ordentlichen Versammlung werden müsse. Auch der frühere NZZ-Chefredaktor Hugo Bütler rechnet damit, dass die geplante Ernennung Somms noch zu reden geben wird (siehe Interview unten).

Als Kronfavorit für den NZZ-Chefredaktorenposten gilt derzeit übrigens Feuilleton-Chef Martin Meyer (63). Wäre der Somm-Coup gelungen, wäre er – so viel Absonderlichkeit darf im Hause NZZ offenbar sein – nicht Somm unterstellt gewesen, sondern dem publizistischen Leiter, der bisher noch unbestimmt ist.

Mitarbeit: Henry Habegger



«Dem Verwaltungsrat hat das kritische Urteil gefehlt»
Hugo Bütler, Vorgänger des abgesetzten Chefredaktors Markus Spillmann, über das verunglückte Manöver, Markus Somm an die NZZ-Spitze zu hieven.
Herr Bütler, wie nehmen Sie als Ex-Chefredaktor die heutige NZZ wahr?
Hugo Bütler: Die NZZ ist noch immer eine gute Zeitung. Bedenkt man, dass wegen der wegbrechenden Anzeigenerlöse und schwindenden Leserzahlen weniger Mittel als früher zur Verfügung stehen, behauptet die NZZ-Redaktion mit ihrem einzigartigen Korrespondentennetz die Qualität vergleichsweise sehr gut.

Im NZZ-Verwaltungsrat wurde Kritik laut, die Zeitung sei zu wenig pointiert, gar zu links. Teilen Sie diese Kritik?
Zu links stimmt als pauschaler Vorwurf ganz sicher nicht. Da möchte ich wissen: Wo denn? Wann denn? Dass Herrn Spillmann vorgeworfen wurde, er sei wegen seiner vielen Aufgaben in der Redaktion zu wenig präsent, kann ich schon eher nachvollziehen. Ob dies rechtfertigte, ihn zu entlassen, will ich hier nicht beurteilen. Wohl aber, ob es richtig war, als seinen Nachfolger einen Kopf vorzuschlagen, der nicht zur NZZ passt.

Sie halten nichts davon, dass der Verwaltungsrat Markus Somm als neuen NZZ-Chefredaktor vorgesehen hat?
Markus Somm hat zweifellos Fähigkeiten, die nicht unerheblich sind. Dass seine Aufgabe als BaZ-Chefredaktor und seine bewundernde Biografie über den SVP-Gründer ihn als Statthalter Blochers erscheinen lassen, ist offensichtlich jedoch zu wenig bedacht worden. Dem Verwaltungsrat hat in diesem Punkt anscheinend das kritische Urteil gefehlt. Mit genügend Bodenkontakt hätten der öffentliche Protest und der Widerstand der Redaktion gegen Somm doch wohl vorhergesehen werden können.

Verträgt sich Somms «Freisinn blocherscher Prägung» mit der NZZ?
Die NZZ ist eine geistige Schöpfung der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Ihr Ideal ist der wohlinformierte Bürger, der selber denkt und entscheidet. Die Zeitung hat schon vor der Gründung der FDP hundert Jahre lang für das freiheitliche Denken nach aufklärerischen Kriterien gewirkt und gekämpft. Zu den Errungenschaften dieses Kampfes gehören Pressefreiheit, starke Institutionen, der Rechtsstaat, die Gewaltentrennung und natürlich die Menschenrechte. Die SVP, wie sie durch Christoph Blocher geprägt ist, passt oft nicht zum freisinnigen Selbstverständnis, besonders wenn es um Weltoffenheit oder die Bedeutung internationalen Rechts geht.

Wo sehen Sie weitere Widersprüche?
Die teilweise ausländerfeindliche Haltung, der Angriff auf internationale Verträge wie die Bilateralen markieren erhebliche Unterschiede. SVP-Regierungsmitglied Ueli Maurer will ja sogar die Menschenrechtskonvention aufkündigen. Einen solchen Kurs kann und soll die NZZ publizistisch nicht mittragen.

Muss der NZZ-Verwaltungsrat für das verunglückte Somm-Manöver zur Verantwortung gezogen werden?
Was im April an der NZZ-Generalversammlung geschehen wird, vermag ich nicht abzusehen. Sicher ist, dass viele NZZ-Aktionäre über die Geschehnisse aufgebracht sind und die versuchte Einpflanzung eines Blocher-nahen Kopfes ohne Rücksicht auf hausinterne Möglichkeiten noch viel zu reden geben wird.

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