Kaum wahrgenommen von einer breiteren Öffentlichkeit, brodelt es hinter den Kulissen der Zürcher Freisinnigen und ihrem Leitmedium «NZZ». «Unglaublich enttäuschend und unerhört», schimpft ein einflussreicher Zürcher FDP-Politiker, der namentlich aber nicht zitiert werden möchte.

Gegen aussen wird versucht, den Ball flachzuhalten. Stellvertretend dafür FDP-Kantonalparteipräsident Beat Walti, der nur das Wort «erstaunt» in der Zeitung lesen möchte. Fraktionschef Thomas Vogel gibt die Formulierung «leicht seltsam» frei.

Stein des Anstosses ist die Wahlempfehlung von «NZZ»-Chefredaktor Markus Spillmann zugunsten von Christoph Blocher als zweitem Zürcher Ständerat.

Im freien Gespräch mit verschiedenen Exponenten tönt es ganz anders, sitzt die Verbitterung über den «‹NZZ›-Rückenschuss» tief. Die FDP-Delegiertenversammlung hatte mit 130 zu 4 Stimmen beschlossen, nur mit dem eigenen Ständerat Felix Gutzwiller in den Wahlkampf zu ziehen und Blocher nicht zu unterstützten.

Über diesen Beschluss setzten sich – nicht ganz überraschend – zwei FDP Politiker hinweg, der Blocher-Zögling, Nationalrat Filippo Leutenegger, und der immer um Aufmerksamkeit bemühte Kantonsrat Hans-Peter Portmann.

Diesen beiden wurden vom Parteipräsidenten mit unüblich harten Worten schriftlich abgemahnt, wie dem «Sonntag» bestätigt wurde. Beat Walti sagt nur: «Das besprechen wir intern und nicht über die Medien.»

Dass die Dissidenten nun sogar vom «NZZ»-Chefredaktor Sukkurs erhalten, hat die FDP-Prominenz verstört und verbittert. Zu denken gibt ihr vor allem die «intellektuell schwache Argumentation». Diese zeige sich darin, dass Spillmann von einer «Einigkeit in der Finanz- und Wirtschaftspolitik» schreibt, die Blocher wählbar mache. Als ob die fundamental unterschiedlichen Positionen in der Frage der Personenfreizügigkeit nichts mit Wirtschaftspolitik und -interessen zu tun hätten.

Beat Walti sagt nur: «Gerade in der Wirtschaftspolitik sind leider die Gemeinsamkeiten zwischen FDP und SVP dramatisch geschmolzen.»

Auch intern hat Spillmanns Wahlempfehlung für Unruhe und Diskussionen gesorgt, wie entsetzte und enttäuschte «NZZ»-Redaktoren bestätigen. Aber auch hier gilt: Gegen aussen soll der Schein gewahrt werden, ein «offener Konflikt» wird in Abrede gestellt. Unternehmenssprecherin Bettina Schibli: Ein solcher bestehe «auf keinen Fall». Immerhin bestätigte sie «ein paar Reaktionen» aus der Leserschaft, «welche erklärten, sie würden das Abo abbestellen».

Chefredakor Markus Spillmann verteidigt auf Anfrage seinen Kommentar, weil die «NZZ» weder «ein Parteiorgan noch einer bestimmten Parteilinie verpflichtet» sei, sondern einem «klar bürgerlich-liberalen Kompass» folge. «Unser Unternehmensstatut hält dies unmissverständlich fest.» Ob sein Positionsbezug mit dem neuen Verwaltungsratspräsidenten Konrad Hummler zu tun hat?

Spillmann: «Die ‹NZZ› arbeitet ohne Instruktionen und frei von Sonderinteressen. Daran halten sich alle Beteiligten eisern, insbesondere auch der Verwaltungsrat und dessen Präsident.»

Seine Parteinahme für Blocher ist auch deshalb brisant, weil das ebenfalls zur «NZZ-Gruppe» gehörende «St. Galler Tagblatt» am Freitag mit ungewöhnlich klaren und deutlichen Worten auf Distanz zur SVP gegangen war. Das Inserat «Kosovaren schlitzen Schweizer auf!», hätte nicht verbreitet werden dürfen, heisst es in einer Erklärung von «Verlag und Redaktion». Deshalb entschuldige man sich dafür, «dass dieses Hetz-Sujet unkontrolliert den Weg ins Blatt fand». Chefredaktor Philipp Landmark wirft den Urhebern des Sujets vor, «politisches Kapital aus Verbrechen zu schlagen, indem sie pauschal eine ganze Volksgruppe diffamieren».

Auch die Schweizer Bischofskonferenz wehrt sich «gegen gotteslästerliche Menschenverachtung in Inseraten und Plakaten» und appelliert «an die Verantwortung der Medien». Würde sein Kommentar zugunsten von Christoph Blocher heute deshalb anders ausfallen, fragten wir den «NZZ»-Chefredaktor? Markus Spillmanns klare Antwort: «Nein.»

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