Kulturschock bei der «NZZ»: Print- und Onlineredaktion werden baldmöglichst zusammengelegt. Dabei wird der verpönte Begriff «Newsroom» sorgfältig umschifft, die vom Verwaltungsrat beschlossene Strategie heisst «Konvergenz». Dies bedingt eine «grundlegende Neuorganisation der Redaktionen». Mit dieser «schwierigen und heiklen Aufgabe» (so ein Redaktor) ist Chefredaktor Markus Spillmann betraut worden.

Dass es dem Verwaltungsrat unter dem neuen Präsidenten Konrad Hummler ernst ist, macht eine interne Mitteilung deutlich. Der «raschen Umsetzung» des Projektes misst er «höchste Priorität» zu. Für die «NZZ»-Journalistinnen und -Journalisten bedeutet dies, dass sie künftig nicht nur für die Tageszeitung schreiben, sondern auch für iPad und Online arbeiten müssen. Zu diesem Zweck werden thematisch neue Ressorts gegründet. Von der «Konvergenz» explizit ausgenommen bleibt die erfolgreiche «NZZ am Sonntag».

Einher geht die Umsetzung der neuen Strategie mit einer Anpassung der Führungsstruktur bei der «Neuen Zürcher Zeitung»: Die publizistischen und kommerziellen Belange werden wieder getrennt, damit sich Markus Spillmann «voll auf das Konvergenzprojekt konzentrieren» könne.

Im Sinne einer «klareren Trennung zwischen Redaktion und Verlag» werde er vom «operativen kommerziellen Tagesgeschäft entlastet», heisst es in der internen Mitteilung. Die Stelle eines «Leiters des Geschäftsbereichs NZZ» werde intern und extern ausgeschrieben. Spillmann war erst vor einem Jahr die Gesamtverantwortung übertragen worden.

Auf der Redaktion wird diese Trennung grundsätzlich begrüsst. Man erhofft sich, dass Spillmann als Chef und publizistisch präsenter wird. Es gibt aber auch Stimmen, die von einer «Teilentmachtung» oder «schrittweisen Entmachtung» des Chefredaktors ausgehen. Dagegen spricht, dass Spillmann die publizistische Gesamtleitung «der multimedial ausgerichteten NZZ-Medien» übertragen wurde. Von der neuen Struktur besonders angetan zeigt sich die Online-Redaktion. «Jetzt gehören wir endlich richtig zur NZZ», freut sich ein Redaktor, «und erst noch mit einem Publizisten als Chef.»

Seit Spillmann auch für die kommerziellen Belange zuständig war, häuften sich intern die Stimmen, die von einem «Rückfall in frühere Zeiten» sprachen. «Er ist noch viel weniger spürbar als sein Vorgänger Hugo Bütler», kritisieren selbst Ressortleiter die mangelnde Präsenz ihres Chefs. Gute Bekannte des «NZZ»-Chefredaktors berichten von «grossen Spannungen» in der Führungsetage. «Bei derart wichtigen strategischen Weichenstellungen sind unterschiedliche Positionen normal und bedingen intensive Diskussionen», sagt Pressesprecherin Bettina Schibli dazu.

Im Weitern segnete der Verwaltungsrat die mehrfach angekündigte Absicht ab, alle Angebote der Marke «NZZ» zu digitalisieren und für Intensivnutzer kostenpflichtig zu machen. Wann dies der Fall sein wird und wie viel die entsprechenden Angebote kosten, ist allerdings noch offen.

Klar ist, dass der Abopreis für die gedruckte Ausgabe nochmals um rund 10 Prozent angehoben wird, wie Schibli bestätigt. Der Preis für das Jahresabo dürfte damit auf rund 660 Franken zu stehen kommen. In diesem stolzen Preis ist allerdings das digitale Angebot inbegriffen.

Gegenüber dem Branchendienst «Persönlich» bezeichnet Spillmann die derzeitige PDF-Version «eigentlich als dumm», da sie «nichts mehr kann als die Zeitung abbilden». Deshalb werde es künftig eine Digitalausgabe geben, die nicht nur auf dem iPad, sondern auch auf anderen Mobilgeräten geladen werden kann. Zur Begründung führt der «NZZ»-Chefredaktor aus, dass es zunehmend eine Klientel gebe, «die nicht mehr zeitungsaffin ist, auch nicht auf dem iPad». Deshalb brauche es eine «andere Darbietungsform».

Amüsiert bis entrüstet reagierten «NZZ»-Journalisten auf Spillmanns Antwort auf die Frage, wie denn das Team diese Neuerung aufgenommen habe. Die Redaktion sei «sehr leistungsfähig» und habe eine «hohe Loyalität zur Marke NZZ», erklärt er im Interview mit «Persönlich». Aber natürlich brauche sie nun auch «etwas Motivation, und die bekommt sie von mir».

Spöttelt ein Redaktor: «Wie sollen wir eine Neuerung aufnehmen, wenn wir noch gar nicht informiert sind und nichts Konkretes wissen?»

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