Seit einem halben Jahr arbeiten zwei erfahrene TV-Macher an einem ehrgeizigen Projekt, das jetzt vor dem Abschluss steht: Hardy Lussi und Mike Gut lancieren ein sprachnationales TV-Programm für die Deutschschweiz unter der Marke S1, wobei das S für «Schweiz» steht.

Die beiden Initiatoren kennen die Branche seit langem: Hardy Lussi war 2007 bis 2012 Verwaltungsrat bei Sat1 Schweiz und Geschäftsführer der ProSieben Sat1Media AG Schweiz. Mike Gut war Programmdirektor und gleichzeitig Geschäftsführer der Sat.1 Schweiz AG und der ProSieben Schweiz AG.

Viele Medienunternehmer haben schon versucht, neben dem gebührenfinanzierten SRF einen Sender für die ganze Deutschschweiz zu etablieren, sind damit aber früher oder später gescheitert. Das gilt selbst für Medienpionier Roger Schawinski mit seinem Tele 24 – einem Projekt, bei dem Hardy Lussi damals dabei war.

Nur einer hat sich bis jetzt durchgesetzt: Dominik Kaiser mit 3+. Warum soll das jetzt auch S1 gelingen? Hardy Lussi sagt: «In der Zwischenzeit haben sich die Rahmenbedingungen für privates Fernsehen in der Schweiz stark verbessert. Zudem haben wir ein Swissness-Konzept, das bei den Zuschauern und den Werbekunden auf Anklang stossen wird.»

«S1 – der neue Schweizer Sender», heisst der selbstbewusste Claim. Und er soll Programm sein. Während 3+ rund 10 Prozent Schweizer Inhalte in der Prime-Time sendet, sollen es bei S1 zirka 30 Prozent sein. Lussi will noch nicht zu viel verraten, sagt aber: «Wir haben das Programmraster auf ein Jahr hinaus geplant. Wir planen fixe Zeitschienen für innovative Schweizer Produzenten und können auch ältere erfolgreiche Formate nochmals aufgreifen, wie etwa ‹Homerun› oder ‹Menu surprise›.»

«Homerun» – moderiert von Björn Hering – lief auf Sat1 Schweiz; fünf Kandidaten starteten aus der Wildnis in Südostasien oder Afrika ohne Geld und ohne Essen mit dem Ziel, in die Schweiz zurückzukommen. Das Format erhielt den Schweizer Fernsehpreis in der Kategorie Innovation.

Auch eine eigene Comedy-Sendung ist vorgesehen. Bisher gab es am Schweizer TV einzig «Giacobbo/Müller» auf SRF 1. Lussi sagt: «Wir hoffen, dass wir das Giacobbo-Monopol aufbrechen können.» Weiter will S1 Dokus senden und eventuell auch einen Talk. «Schön wäre, wenn wir ‹Roger gegen Roger› fürs Fernsehen machen könnten», sagt Lussi. Er meint die gleichnamige Sendung von Radio 1, wo Roger Schawinski sich mit Roger Köppel streitet.

Eine Newssendung à la «Tagesschau» wird es nicht geben – aus Kostengründen. Vorstellbar sei aber, sagt Gut, dass Sendungen in der Art von «Filippos Polit-Arena» ins Programm kommen. Sie wurde vor den letzten Wahlen auf Sat1 Schweiz ausgestrahlt und hatte einen «riesigen Impact», wie Gut sagt, der beim Projekt dabei war.

Als Trumpf nennen die S1-Initiatoren die Zusammenarbeit mit dem ZDF. «Wir haben mit ZDF Enterprises Zugriff auf den weltweit grössten deutschsprachigen Programmstock», sagt Gut. Darunter zum Beispiel qualitativ hochwertige Dokumentationen und Quotenrenner, wie Filme aus der «Rosamunde-Pilcher-Collection».

Das Beispiel zeigt auch schon, welches Publikum S1 anpeilt. Es sind nicht die ganz Jungen, sondern die Altersgruppe 35+. Lussi: «Wir werden ein massentaugliches Programm bieten, mit ähnlichem Zielpublikum wie das SRF und kein Nischenprodukt.» Angesichts der älter werdenden Bevölkerung wachse dieses Segment in den nächsten Jahren, während sich die ganz Jungen eher vom klassischen Fernsehen abwenden würden.

Lussi ist überzeugt, dass die Rechnung auch kommerziell aufgehen wird: «In einem fragmentierten Werbemarkt werden Sender schon ab rund 2 bis 3 Prozent Marktanteil bei Werbebuchungen berücksichtigt. Zudem boomt der TV-Werbemarkt und wir erwarten eine positive Entwicklung.»

Bleibt die grosse Frage: Wer sind die Geldgeber? Hier lassen sich die Initiatoren nicht in die Karten blicken. Sie teilen bloss mit, der Sender werde «nicht mit Private Equity» finanziert, sondern von Investoren getragen, die «Medien-, Vermittlungs- und Vermarktungskompetenz» mitbringen. Auch ein grosses Medienhaus soll darunter sein. Ob es sich um den Ringier-Verlag («Blick», «Schweizer Illustrierte») handelt, dessen CEO Marc Walder wiederholt TV-Ambitionen äusserte, will Lussi nicht sagen. Das Geld sei grösstenteils zusammen, nun sind Lussi und Gut noch auf der Suche nach 3 Millionen Franken «in Darlehensform»: «Wir sind am Verhandeln.»

Starten möchten sie bereits im Oktober, im «worst case» Anfang 2014, wie es heisst. Der Sender soll «extrem schlank» aufgestellt sein: Er hat keine eigenen Kameras oder Studios und vergibt die Vermarktung an einen externen Partner. Einen Partner immerhin nennen die Initiatoren: Sie arbeiten in der Technik mit Voice Publishing zusammen, dessen CEO Andreas Auerbach auch ein Kandidat für den Verwaltungsrat von S1 ist.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!