Kaum ein anderer Jugendlicher beschäftigte die Schweiz in den vergangenen Monaten so sehr wie Carlos. Wenn es um einen minderjährigen Delinquenten geht, ist sein Name ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Carlos, der verhätschelte Straftäter, Carlos, der randalierende Gefängnisinsasse, Carlos, «die moderne Hexe», wie der «Tages-Anzeiger» gestern kommentierte.

Jetzt sei die Zeit gekommen, die Hatz zu stoppen, hiess es im Artikel weiter. Trotzdem war der Zeitung die Carlos-Story eine ganze Seite wert, schliesslich erhält der heute 18-Jährige erneut ein Sondersetting. Dabei waren es diese Privilegien – privater Thaibox-Unterricht, Rund-um-die-Uhr-Betreuung und eine 4½-Zimmer-Wohnung – die den Aufschrei überhaupt erst auslösten. «Sozialwahn», titelte der «Blick».

Den Fall ins Rollen brachte aber ein anderer: SRF-Reporter Hanspeter Bäni porträtierte in einem Dok-Film vergangenen August den Zürcher Jugendanwalt Hansueli Gürber. Dieser betreute damals Carlos und arrangierte das umstrittene Sondersetting. Unrühmlicher Höhepunkt der anschliessenden Debatte waren Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen.

Nun – sieben Monate später – arbeitet Bäni an einem neuen «Dok» über den Jugendlichen. Thema: «Der Fall Carlos und das Jugendstrafrecht». Erscheinen wird der Film voraussichtlich im August oder September. Im Detail will sich Bäni nicht zum Projekt äussern. Auch ob Carlos selber im «Dok» auftritt, ist offen. Allerdings dürften die Chancen dafür schlecht stehen, schliesslich fühlt sich der Jugendliche als Medienopfer.

Ganz abgeschlossen hatte Reporter Bäni mit Carlos ohnehin nie. Nur einen Monat nach der Ausstrahlung schrieb er ihm einen langen Brief. Er wollte noch einmal mit dem Jugendlichen sprechen.

«Natürlich geht es mir nahe, wenn Menschen wegen meiner Reportagen Morddrohungen erhalten», sagte Bäni damals. Er bereue aber nicht, eine Debatte ausgelöst zu haben. Er habe die positiven wie die negativen Aspekte der Sonderbehandlung ausgeleuchtet. «Die anschliessende Skandalwelle haben andere losgetreten.»

Ursache für den erneuten Mediensturm diese Woche war das Bundesgericht. Es hob die Verlegung des 18-Jährigen in das Massnahmenzentrum Uitikon auf. Der Abbruch des Sondersettings sei in keinem Zusammenhang mit Carlos’ Verhalten gestanden. Seit Donnerstag befindet sich Carlos wieder in Obhut der Institution Riesen-Oggenfuss. Das neue Sondersetting kostet gemäss Medienberichten 19 000 Franken im Monat.

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