Herr de Weck, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Cyberattacke in Frankreich erfahren haben?
Roger de Weck: Schon wieder. Aber auch: neue Lage.

Was meinen Sie damit?
Einerseits sind Angriffe aus dem Internet nichts Neues. Seit 2012 gibt es europaweit immer mehr Angriffe auf Medienunternehmen, völlig unabhängig von Sprache und Land. Konflikte haben heute zwei Schauplätze, in der realen Welt und in der Welt des Internets.

Welche Art von Angriffen?
Das ganze Arsenal. Malware-Angriffe mit Viren und Trojanern, Manipulationen von sozialen Medien oder Attacken auf Websites. Noch gefährlicher sind sogenannte DDOS-Angriffe, um ganze Infrastrukturen lahmzulegen. Rund um den Globus gibt es vermutlich kein grösseres Medienhaus, das im Lauf der Jahre nicht angegriffen worden wäre. In der Schweiz wurden vereinzelt sogar Attacken auf Lokalradios registriert.

Trotzdem ist über die Täter nur wenig bekannt.
Die lassen sich kaum je eruieren. Darunter befinden sich Hacker-Aktivisten, Einzeltäter, organisierte Kriminalität oder staatliche Stellen. Und jetzt, im Fall von TV5 Monde, kommen offenbar Mitglieder der IS-Terroristengruppe oder Anhänger dieser Schergen hinzu.

Warum sprechen Sie von neuer Lage?
Einen Sender vollends lahmzulegen – ein schwarzer Bildschirm –, das ist eine neue Qualität der politischen Kriminalität. Und mutmasslich war es, wieder in Paris, die zweite Attacke islamistischer Extremisten auf die Medienfreiheit, ohne Blutvergiessen, aber ein Menetekel, dass es noch schlimmer kommen könnte. Vergessen wir nicht: Mit TV5 Monde wurde ein Sender angegriffen, der Schweizer Sendungen rund um den Globus ausstrahlt – und den Schweizer Blickwinkel in die Welt trägt.

Hat Sie die neue Attacke überrascht?
Bereits Anfang 2013 zeichnete sich weltweit eine «Politisierung und Ideologisierung der Angreifer» ab, das schrieb die SRG in einem internen Papier. 2014 gab es die verheerenden Angriffe gegen Sony Pictures, vermutlich aus Nordkorea. Die Demokratien müssen sich wehren: sowohl gegenüber Internet-Angriffen als auch gegen den Überwachungsstaat. Sie schaukeln einander hoch.

Steht das Thema auf der Top-Ebene der SRG auf der Agenda?
Seit Jahren.

Was tun Sie dagegen?
Viel. Es ist eine Dauerarbeit und beinhaltet unter anderem Technologie, Organisation oder den internationalen Erfahrungsaustausch. Genaueres sage ich aus Gründen der Sicherheit nicht. Aber klar ist: Es kostet Geld. Und es ist komplex. Der bessere Schutz hängt kaum je von dieser oder jener Einzelmassnahme ab, immer braucht es ein Bündel unterschiedlichster Vorkehrungen – und das ohne Erfolgsgarantie. Banalstes menschliches Fehlverhalten kann sichere Systeme verwundbar machen. Und in der virtuellen Welt ist es genauso wie in der realen Welt: Nicht selten sind Kriminelle einen Schritt voraus.

Dann reichen die Vorkehrungen also nicht.
In der Abwehr von Hacker-Angriffen sind selbst die besten Schutzkonzepte nie gut genug. Risiken lassen sich mindern, aber nie ausschliessen. Jetzt sind unsere Fachleute natürlich im Kontakt mit der Task-Force von TV5 Monde: Die nähere Analyse der Schwachstellen dort kann unter Umständen dazu beitragen, unbekannte Schwachstellen bei uns zu eruieren.

Fürchten Sie Nachahmer in der Schweiz?
Ob in der Schweiz oder woanders – die sind wahrscheinlich schon am Werk.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper