Ein Medienanwalt spricht von einem «Durchbruch», ein anderer von einem «bedenklichen Kniefall» und einer «hochnotpeinlichen Entschuldigung». Ist diese nun aber ein Präzedenzfall für das Schweizer Medienrecht oder lediglich ein pragmatischer Vergleich, um einen langwierigen, teuren Rechtsstreit zu vermeiden?

Zu Diskussionen Anlass gibt der letzte Satz in der von «Blick»-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley initiierten und unterzeichneten Entschuldigung, wonach die Berichterstattung durch «ihre Intensität die Persönlichkeitsrechte von Herrn Hirschmann verletzt hat».

Die Intensität einer Berichterstattung als Kriterium für eine Persönlichkeitsverletzung zu nehmen, ist juristisches Neuland. Angesichts des Konkurrenzdrucks zwischen den Online- und den Print-Medien machen Begriffe wie «Rudeljournalismus», «Medienhype» oder «Shitstorm» die Runde. Zweifellos erfüllte die Berichterstattung nach der Verhaftung von Carl Hirschmann den Sachverhalt einer ausser Kontrolle geratenen «Medienlawine» und medialer Vorverurteilung, wie bereits der Presserat festgestellt hat. Hinzu kamen grobe handwerkliche Fehler.

Dass sich ausgerechnet der deutsche Boulevardjournalist Grosse-Bley beim Zürcher Millionenerben entschuldigen muss, überrascht nicht. Seit seinem Amtsantritt im Juli 2009 beim «Blick» hat sich das Blatt dem knallharten Boulevard verschrieben. Es reitet Kampagnen, inszeniert Geschichten und geht an Grenzen oder überschreitet sie. «‹Blick› ist erfolgreich auf Kurs», sagt Ringier-Pressechef Edi Estermann. «Wir werden aufgrund dieses Falles nun nichts daran ändern.»

In der Entschuldigung räumt die «Blick»-Gruppe ein, man habe «unzutreffende Vorwürfe verbreitet, die sich auf Behauptungen anonymer Informanten stützten oder in der Weitergabe blosser Gerüchte bestanden». Ein solches Eingeständnis ist eine Bankrotterklärung – letztlich auch für den Boulevardjournalismus. Bei Tamedia, deren Berichterstattung in den verschiedenen Medien (vor allem TeleZüri, das heute zu AZ Medien gehört) ebenfalls eingeklagt ist, will man den Vergleich von Ringier nicht kommentieren. Pressesprecher Christoph Zimmer sagt nur: «Es gibt keine Verhandlungen über eine derartige Entschuldigung.»

Im Hause Ringier wird der mit Hirschmann geschlossene Vergleich trotzdem als Erfolg gewertet. Man habe Grösse gezeigt, für eine saubere Abwicklung gesorgt und sich adäquat entschuldigt. Auch wenn die Entschuldigung gegenüber einem erstinstanzlich verurteilten Zürcher Promi schmerzt, zählt vor allem eines: Ringier ist mit einem blauen Auge davongekommen und muss weder Schmerzensgeld zahlen noch die hohen Anwaltskosten der Gegenpartei übernehmen. Die Gerichtskosten werden geteilt. Umstritten ist, wie hoch die geforderte Gewinneinziehung gewesen wäre. Bei Ringier ist von einem «zweistelligen Millionen-Betrag» die Rede, der fällig geworden wäre.

Der auf Medienrecht spezialisierte Daniel Glasl von der Kanzlei Bratschi, Wiederkehr & Buob hatte nebst der Gewinnabschöpfung für die widerrechtlichen Berichte in unbekannter Höhe einen «mittleren sechsstelligen Betrag» eingeklagt. Er wertet die ausgehandelte Entschuldigung ebenfalls als «grossen Erfolg». Auf Anfrage von Journalisten hatte er – zum Ärger der Gegenseite – bereits am Sonntag Details des Vergleichs publik gemacht. Unter anderem muss Ringier sämtliche Publikationen seit November 2009 in den Archiven löschen und von «künftigen Berichten über Carl Hirschmann absehen». Das Communiqué schliesst mit dem Satz: Dieser suche «keine weitere Publizität», weshalb er sich nicht weiter äussern werde.

Zur Erinnerung: Der Zürcher Jetsetter suchte früher die Öffentlichkeit förmlich und fiel immer wieder durch Eskapaden auf. Entweder war er in Schlägereien verwickelt oder kam jungen Frauen zu nahe. Verschiedene Anzeigen wegen sexueller Übergriffe schaffte er aus der Welt, indem er sich mit Geld freikaufte. Im Oktober steht Hirschmann nun vor dem Zürcher Obergericht, wo er das Urteil der ersten Instanz angefochten hat. Dieses hatte ihn wegen mehrfacher sexueller Nötigung und sexueller Handlungen mit Kindern sowie Körperverletzungen zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 33 Monaten verurteilt.

Da Geld keine Rolle spielt, hat Hirschmann nicht nur seinen PR-Berater gewechselt, sondern mit Daniel Glasl einen neuen Medienanwalt engagiert und mit Christoph Hohler einen der besten Strafverteidiger verpflichtet. Es deutet alles darauf hin, dass Hirschmann seine Taten nicht mehr bestreiten wird, sondern den geläuterten Millionenerben geben wird, der Verantwortung übernimmt. Dabei wird ihm auch die Entschuldigung aus dem Hause Ringier zupass kommen, die ihn als unbescholtenes Medienopfer erscheinen lässt. Klar ist nur: Die «Blick»-Leserschaft wird nicht einmal erfahren, ob Hirschmann ins Gefängnis muss.

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