Die Ankündigung für das «Medientraining» klingt vielversprechend. Am 23. März sollen CEOs und Geschäftsführer ein «Profi-Training» erhalten. Ziel der Veranstaltung ist, den Teilnehmern «Sicherheit zu geben für ein zielführendes Journalistengespräch». Denn: «Erst wenn Sie optimal vorbereitet sind, können Sie sich auf den Inhalt konzentrieren und ein Gespräch auf Augenhöhe führen.»

Für Sicherheit und Augenhöhe soll «Tagesschau»-Moderatorin Beatrice Müller sorgen. 1800 Franken kostet die Teilnahme am eintägigen Trainingsseminar. Veranstalterin ist die kommerzielle Kommunikationsagentur Knobel Corporate Communications.

Müllers Freizeit-Engagement wirft eine Grundsatzfrage auf. Ist es zulässig, dass eine «Tagesschau»-Moderatorin gegen Bezahlung potenzielle Interviewpartner auf einen Auftritt in ihrer Sendung vorbereitet? Diese Frage stellt sich umso dringender, als das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) seit Oktober 2011 über ein Reglement verfügt, das «externe Nebenbeschäftigungen und ausserberufliche Tätigkeiten» einigermassen klar regelt. Zum Beispiel ist festgehalten, dass ein Nebenjob nicht angenommen werden darf, wenn dadurch «eine distanzierte Haltung in der Berichterstattung» infrage gestellt wird. Bevor sie eine ausserberufliche Tätigkeit aufnehmen, müssen SRF-Mitarbeiter zudem überlegen, ob «die Glaubwürdigkeit von SRF oder einer Sendung tangiert» wird.

In der Kommunikationsbranche gibts viel Unmut über Müllers Engagement als CEO-Coach. Von Wettbewerbs-Verzerrung ist die Rede. Weil die meisten Agenturen bestenfalls mit ehemaligen SRF-Mitarbeitern aufwarten können. Zitieren lässt sich nur Peter M. Wettler. Der einstige «Kassensturz»-Chef und heutige Kommunikationsberater spricht von einem «Skandal». «Ich habe als Angestellter des Schweizer Fernsehens strikt auf Distanz zu Akteuren der Wirtschafts- und Politwelt geachtet. Hätte ich das nicht getan, wären kritische Berichterstattung und Interviews unmöglich geworden.»

Beatrice Müller befindet sich «auf Reisen im Ausland», meldet sich aber per Mail. Sie weist als Erstes darauf hin, dass sie beim SRF zu 80 Prozent angestellt sei und «grundsätzlich ein Recht auf eine Nebenbeschäftigung» habe. «Im vergangenen Jahr nahm ich einige wenige Engagements an. Unter dem alten Reglement war dies möglich.» Seit die neuen Richtlinien gelten, habe sie keine neuen Engagements mehr angenommen. Und: «Das Coaching vom 23. März ist längst abgesagt und findet nicht statt.»

Längst abgesagt? Noch vor zehn Tagen hat der Veranstalter Einladungen vermailt. Und dabei ausdrücklich auf die Präsenz von Beatrice Müller verwiesen. Die Nachfrage, wann genau sie ihre Teilnahme am CEO-Medientraining annulliert habe, erbringt nichts.

Offenkundig ist, dass es Unmut über diesen Nebenjob nicht nur in der Kommunikationsbranche gibt, sondern auch beim SRF. Die Kommunikation zur Causa Müller ist auffällig zurückhaltend. SRF-Sprecherin Andrea Hemmi sagt, dass Beatrice Müller ihre Teilnahme am CEO-Medientraining nicht habe absegnen lassen. Hemmi: «Offenbar ging sie davon aus, dass sie für dieses Training keine Zustimmung einholen musste.» Hemmi lässt keinen Zweifel daran, dass es für solche Veranstaltungen keine Bewilligung gibt: «Generell gelten für Moderierende strenge Richtlinien, was allfällige Interessenkonflikte angeht. Darum würde SRF ein solches Engagement ablehnen.»

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