Herr Vollmoeller, Sie haben kürzlich die Preise für Schweizer Premium-Kunden erhöht und eine Protestlawine ausgelöst. Ein Zwei-Jahres-Abo kostet nun mit 287 Franken über 80 Prozent mehr als vorher. Verstehen Sie den Ärger?
Thomas Vollmoeller: Mit Preiserhöhungen macht man sich nie beliebt. Wenn Nutzer so reagieren, muss ich als CEO sagen, dass die Kommunikation nicht funktioniert hat. Das bedauere ich. Heute würden wir klarer kommunizieren.

Was führte zum Shitstorm?
Erstens haben wir auf Franken umgestellt. Viel zu spät, wie ich finde. Zweitens haben wir die Neukundenpreise für Schweizer um rund 25 Prozent erhöht – eine Anpassung, wie sie alle paar Jahre vorkommt. Grund sind das erneuerte Produkt, die Kosten und das Preisgefüge im Wettbewerb. Unsere Schweizer Preise sind nun etwa 35 Prozent höher als die deutschen. Der dritte Entscheid hat die meisten Kunden verärgert: Dass wir alte Kunden auf das Preisniveau der neuen gehoben haben. Ich bitte aber zu bedenken: Bei Zeitungen bezahlen Abonnenten aber auch den aktuellen Abopreis. Wir haben zehn Jahre lang die Preise nicht angepasst, was wir vielleicht hätten tun sollen.

Was ist der konkrete Mehrwert eines Schweizer Kunden, den er für diese 35 Prozent Differenz kriegt?
Schweizer profitieren vom erneuerten Premiumprodukt und Zusatzangeboten. Der höhere Preis kommt zustande, weil wir in der Schweiz höhere Kosten haben. Wir haben ein Team hier, wir schalten Werbung hier, nutzen die hiesige Infrastruktur. Übrigens ist unser Produkt nach wie vor deutlich günstiger als jenes der Konkurrenz.

Wie viele Schweizer Kunden haben ihr Abo wegen der Erhöhung gekündigt?
Konkrete Zahlen kann ich nicht nennen. Wir haben Kündigungen erhalten. Wir sind entschlossen, diese Kunden zurückzugewinnen.

Kann man die Zahlungsbereitschaft für ein Netzwerk wie Xing quantifizieren?
Wir wissen, dass etwa 10 bis 15 Prozent unserer Nutzer bereit sind, für das Premium-Angebot zu bezahlen.

Jeder sechste Deutschschweizer ist bei Xing, 70‘000 von 670‘000 davon haben einen Premium-Account. Wie viele sollen es werden?
In Dänemark oder Holland sehen wir, dass ein Marktanteil beruflicher Netzwerke von 25 Prozent möglich ist. Das ist in etwa die Zielgruppe der Bevölkerung, für die soziales, professionelles Netzwerken relevant ist. Es gibt für uns daher noch viel Potenzial.

Wollen Sie diese 25 Prozent überhaupt – oder soll Xing einen Elite-Anstrich haben?
Wir haben etwas mehr Hochschulabsolventen und mehr Manager als im Bevölkerungsdurchschnitt, gleichzeitig nutzen auch sehr viele Selbständige und Freiberufler Xing. Wir sind in keiner Weise ein Elite-Club, wollen das auch nicht sein.

Sie konzentrieren sich im Gegensatz zu LinkedIn auf den deutschsprachigen Markt. Vergeben Sie in internationalen Firmen nicht viel Potential? Kaum jemand benutzt zwei Netzwerke.
Wenn Sie internationale Kontakte haben, macht ein Konto bei LinkedIn sicher Sinn. Wir wissen aber, dass 90 Prozent der Leute den Grossteil ihrer Geschäftskontakte im deutschsprachigen Raum haben. In der Schweiz ist dieser Anteil vielleicht etwas niedriger, weil das Land mehr internationale und grosse Firmen hat. Aber auch hier gilt: Mindestens 80 Prozent der Arbeitnehmer haben ihren Fokus vollständig im Inland. Als globaler Anbieter haben Sie einen Nachteil: Sie müssen das gleiche Angebot überall auf der Welt anbieten.

Wo liegt denn der Vorteil an ihrer Lösung?
Wir glauben, dass wir uns mit unserem lokalen Verständnis der Märkte dauerhaft behaupten können – etwa mit unseren Xing-Events, wo sich Menschen nicht nur virtuell treffen, unseren 200 Ambassadoren oder mit unserem Kundenservice, den gut 100 Mitarbeiter sicherstellen. Versuchen Sie einmal bei einem amerikanischen Netzwerk telefonischen Support zu kriegen, wenn Sie ein Problem mit Ihrem Account haben…Wir sind viel näher an den Leuten als ein US-Netzwerk. Was nicht heisst, dass man immer richtig kommuniziert (lacht).

Der Fokus auf die deutschsprachige Welt bleibt also bestehen.
Sicher. Es gibt 100 Millionen Einwohner in den drei deutschsprachigen Ländern. Wir sind das Powerhouse Europas. Wenn Sie schauen, was in diesem Markt mit Recruiting und anderen Geschäftsfeldern alles möglich ist, dann stehen wir erst am Anfang.

30 Prozent ihres Umsatzes erzielen sie mit E-Recruiting. Wie soll sich dieses Geschäft weiterentwickeln?
Zwei Themen sind Wachstumstreiber: Einerseits Employer Branding, also alles, was die Darstellung von Unternehmen als Arbeitgeber im Internet angeht. Das ist in Zeiten von Fachkräftemangel ein Riesenthema. Zweitens Active Sourcing, also aktive Suche nach Personal durch Unternehmen. Damit erreichen sie nicht nur die aktiv, sondern auch die latent Suchenden.

Wie gross ist dieser Markt?
Eine Untersuchung von uns hat gezeigt, dass in der Deutschschweiz 90 Prozent der Berufstätigen zufrieden in ihrem Job sind – im deutschsprachigen Raum ein Rekordwert. Trotzdem kann sich jeder Zweite vorstellen, den Job zu wechseln. Aber es sind nur 14 Prozent der Erwerbstätigen aktiv auf Stellensuche.

Mit diesem Angebot wollen Sie Unternehmen ansprechen. Wie können diese überhaupt auf die Lebensläufe bei Xing vertrauen?
Die Frage, ob ein Lebenslauf korrekt ist, stellt sich immer, auch offline. Allerdings müssen sie bedenken, dass bei Xing jeder die Profile anschauen kann. Wenn jemand irgendwo nicht mehr arbeitet, die Stelle aber bei Xing immer noch angibt, kann das jeder seiner ehemaligen Mitarbeiter sehen. Wenn die Position nicht stimmt, sehen die das auch. Ich glaube darum, dass sie in sozialen professionellen Netzwerken bessere Lebensläufe finden als diejenigen, die sie auf den Tisch kriegen. Unsere Umfragen zeigen auch, dass die Zufriedenheit mit den Profilen bei Xing sehr hoch ist.

Wer hat Zugriff auf ihre Daten?
Wir haben unsere Server in Frankfurt. Der Datenverkehr ist SSL-verschlüsselt, wir bieten «Datenschutz made in Germany». Der deutsche Datenschutz ist sogar noch strikter als der Schweizer. Das ist natürlich ein grosses Thema und wir glauben, dass dies auch ein wichtiger Grund für unseren Erfolg ist.

Sie profitieren von der NSA-Affäre und davon, dass Ihre Konkurrenz aus den USA kommt?
Profitieren tut davon gar niemand. Diese Themen tun der ganzen Branche nicht gut. Im relativen Vergleich sind wir dann aber natürlich diejenigen, die auf der richtigen Seite stehen.

Welche Branchen sind auf Xing vertreten und wo möchten Sie noch wachsen?
Wir sind querfeldein vertreten. Sehr stark sind wir im Freelancer-Bereich, im IT-Bereich, bei klassischen Industrien, bei Medien und im Mittelstand. Wir sind das Netzwerk für KMUs. Tendenziell sind wir weniger stark bei ausschliesslich international ausgerichteten Firmen vertreten. In Pharma-Firmen sehen wir auch noch Wachstumspotenzial, um ein Beispiel zu nennen.

Eine wichtige Zielgruppe für Xing sind Personalberater. Gehen Sie auch auf Personalberater zu?
Ja, natürlich.

Wie ist da die Resonanz?
Es ist eine Hassliebe. Jeder Personalberater nutzt Xing. Auf der anderen Seite gibt es natürlich zunehmend Firmen, die gerade auch mit Xing den Job der Personalberater lieber gleich selbst machen.

Sie könnten Spezialangebote für Personalberater entwickeln.
Wir diskutieren derzeit viele verschiedene Ideen, das ist sicher eine davon.

Das Medienhaus Burda ist ihr Mehrheitsaktionär. Wie stark greift Burda in ihr Geschäft ein?
Burda war schon vorher grosser Aktionär. Der Einfluss ist für meinen Eindruck relativ bescheiden.

Burda gilt als renditegetrieben, mit einer Sonderdividende zieht das Unternehmen nun dieses Jahr wieder Geld aus Xing…
Das hat nichts mit Burda zu tun. Wir haben eher das angenehme Problem, dass wir mehr Cash generieren als für unsere Wachstumsstrategie nötig ist. Wir haben 60 Millionen Euro auf dem Konto, jedes Jahr kommt ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag hinzu. Da wir keine Bank sind, haben wir die Entscheidung für diese Sonderdividende getroffen. Wie übrigens früher auch schon einmal.

Sie haben angekündigt, den Umsatz bis 2016 auf 150 Millionen Euro zu treiben. Ist das nach wie vor ihr Ziel?
Ja, klar. Dieses Jahr erwartet der Markt von uns einen Umsatz von rund 94 Millionen Euro, damit fühlen wir uns sehr wohl.

In den Xing-Foren scheint nicht wirklich viel los zu sein. Täuscht der Eindruck?
Ja, er täuscht. Die Aktivität in den Gruppen ist natürlich unterschiedlich. Es gibt die Gruppen, in denen passiert fast nichts. Aber es gibt natürlich viele, in denen geht die Post ab. Und seit kurzem sind die Gruppen auch mobil verfügbar - jeder fünfte Zugriff auf die Gruppen erfolgt bereits mobil.

Wie viel Traffic läuft generell über das mobile Netz?
Im Moment 40 Prozent, in der Schweiz 45. Dieses Jahr werden wir wohl die 50-Prozent-Marke knacken.

Sie haben die Event-Firma Amiando gekauft. Wo soll die Reise in diesem Bereich hingehen? Wollen Sie in Zukunft auch eigene Events organisieren?
Das nicht. Wir sind eine Plattform für unsere Nutzer, denen wir helfen herauszufinden, wo sie die besten Events für sich finden können. Zum Beispiel dadurch, dass sie sehen, wer aus ihrem Netzwerk am Event teilnehmen wird, wer sprechen wird und so weiter. Damit können wir beim Match-Making bei diesen Events helfen. Wir kennen auf der einen Seite alle Organisatoren und haben andererseits die Nutzer. Wir können die Brücke schlagen zwischen diesen beiden Seiten.

Sie verschicken seit kurzem täglich zwei Newsletter mit Nachrichten. Was ist die Idee dahinter?
Diese Newsletter sind sehr beliebt. Generiert werden sie über einen Algorithmus, der unter anderem auf der Twitter-Verbreitung basiert. Die Öffnungsraten sind sehr hoch. Wir wollen die Marke sein, die den Menschen die Möglichkeit gibt, ihre Chancen im Berufsleben zu sehen und zu ergreifen und dazu gehört die «Hast-du-gesehen-was-relevant-ist»-Thematik. In Kürze werden wir das Angebot ausbauen.

Ist es denkbar, dass sie mit Redaktionen etwa von Fachmedien zusammenarbeiten?
Ja, und es laufen auch schon Gespräche dazu.

Welche Projekte stehen dieses Jahr in der Pipeline?
Mit dem Content-Thema sind wir sehr zufrieden, das werden wir, wie gesagt, weiterentwickeln, die Xing-Events werden wir weiter forcieren, dazu haben wir eben erst eine neue App veröffentlicht. Auch Xing-Premium wird weiterentwickelt.

Denken Sie hier in Richtung Hotel-Rabatte und ähnliches?
Es geht uns nicht darum, Rabatte zu bekommen, sondern dass ausgewählte Partner unsere Premium-Kunden durch den Berufstag begleiten und unsere Kunden davon profitieren. Beispielsweise bekommen Sie heute die „Welt“ gratis oder den VIP-Status bei Sixt. In der Schweiz diskutieren wir im Moment gerade über die ersten Xing-Co-Working-Spaces, in denen sie als Premium-Nutzer arbeiten können.

Sie waren bis 2012 CEO von Valora und führten 6500 Mitarbeiter in einem «klassischen» Betrieb. Nun sind es noch 500 in einem Digital-Unternehmen. Wo liegen die Unterschiede?
Man kann die beiden Aufgaben nicht vergleichen. Die Zeit bei Valora war sehr spannend, ich habe mich in Basel sehr wohlgefühlt. Der Pressevertrieb bei Valora war aber ja nicht gerade ein Wachstumsmarkt (lacht). Jetzt führe ich eine Marke in der digitalen Welt in einer jungen Firma mit sehr viel Rückenwind. Ich will aber auch gern sagen: Ich geniesse es, wieder näher bei der Familie zu sein.

Sie haben sich wohlgefühlt in Basel, sagen Sie. Wie kommentieren Sie die aktuelle politische Situation?
Ich habe die Menschen in der Schweiz mir gegenüber immer als sehr offen und positiv wahrgenommen. Basel liegt natürlich auch im Dreiländereck und ist eine sehr internationale Stadt. Die aktuellen Diskussionen passen nicht zu meinen persönlichen Erlebnissen. Ich habe die Schweiz als tolerant und weltoffen kennengelernt. Natürlich gibt es offensichtlich Leute, die das anders möchten, aber die gibt es auch in Deutschland. Ich glaube, die eine oder andere Volksabstimmung würde in Deutschland auch für Aufsehen sorgen…

Sind politische Debatten auch ein Thema für Xing?
Das hatten wir erstmals bei der Bundestagswahl in Deutschland, wo die Community sieben Wochen lang jeweils ein Thema einen Tag lang diskutierte. Die Community konnte Fragen an Politiker stellen, und bis auf Frau Merkel haben dann so ziemlich alle mitgemacht und geantwortet. Die User blieben im Durchschnitt mehr als fünf Minuten auf der entsprechenden Plattform, was heisst, dass sie sich intensiv mit dem Thema beschäftigten. Das haben auch die Politiker gemerkt, und am Schluss hatten wir fünf, sechs Minister, die bei uns vorbeikamen oder uns zu sich einluden, Minister Rösler genauso wie etwa der damalige Gesundheitsminister Bahr. Wir hatten uns in der Vergangenheit immer gegen politische Themen entschieden, aber das Experiment hat super funktioniert. Diese Idee von «Xing Sieben», also Themen in der Community zur Abstimmung zu stellen und zu diskutieren, werden wir sicher wieder aufnehmen.

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