VON MARTIN AMREIN

Zwei Wochen Ausspannen am Mittelmeerstrand, eine dreitägige Wanderung im Tessin oder einen Monat durch Nordamerika trampen – die Möglichkeiten, die Sommerferien zu verbringen, sind zahlreich. Nur eines bleibt in jedem Fall gleich: Irgendwann sind die Ferien zu Ende. Und so kehren in diesen Tagen viele nach der verdienten Auszeit in den Arbeitsalltag zurück. Idealerweise ausgeruht und glücklich.

Doch wie sollten die Ferien gestaltet sein, damit dies auch tatsächlich der Fall ist? «Drei Wochen Ferien am Stück» lautet der Ratschlag von Dieter Kissling. Diese Zeit sei nötig, um abschalten und die Ferien wirklich auskosten zu können, sagt der Arzt, der sich auf solche Fragen spezialisiert hat. Kissling hat das Institut für Arbeitsmedizin in Baden gegründet, das Firmen wie Suva, ABB oder Migros medizinische Grundversorgung, Gesundheitsförderung und Stressmanagement bietet.

Die erste Urlaubswoche diene dem Senken des Erregungsniveaus. Ab der zweiten Woche könne das eigentliche Geniessen der Ferien beginnen. Dass nach dem dreiwöchigen Urlaub nur noch wenige Ferientage fürs restliche Jahr bleiben, ist laut Kissling nicht tragisch: «Werden diese an Feiertage angehängt, ergeben sich einige wertvolle Zusatz-Auszeiten.»

Wissenschafter um Peter Totterdell von der Universität Sheffield bestätigen Kisslings Ansicht, dass Entspannung Zeit braucht. In einer Studie fanden sie heraus, dass Pflegefachfrauen, die länger Ferien machten, erholter waren als andere. 61 Pflegerinnen machten einen Monat lang genaue Angaben über ihr Wohlbefinden und absolvierten verschiedene Gedächtnistests. Ergebnis: Je länger am Stück sie frei gehabt hatten, desto mehr Punkte erreichten sie in den Tests und desto besser war auch ihre Laune.

Zudem lohnt es sich, Ferien weit im Voraus zu organisieren. Denn schon vor dem Urlaub tritt ein positiver Effekt auf. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung von Jeroen Nawijn und seinem Forschungsteam von der Erasmus-Universität Rotterdam. Sie haben das Glücksgefühl von 1530 Niederländern vor, in und nach den Ferien gemessen. Dabei stellten sie fest, dass die Vorfreude am grössten ist: Personen, die einen Urlaub planten, waren schon Monate vorher wesentlich glücklicher als solche, die keine Ferien in Aussicht hatten.

Allerdings war der Erholungseffekt kurz nach der Heimkehr wieder vorbei. «Nur wer eine besonders entspannende Reise hinter sich hatte, konnte das Glücksgefühl noch einige Wochen aufrechterhalten», berichtet Nawijn. Der Grund: «Urlaub ist oft wenig nachhaltig, weil sich zu Hause, in der Abwesenheit, ein Berg von Verpflichtungen und Arbeit angehäuft hat.» Wer jedoch gut plant, bleibt gelassen, auch wenn die Ferien längst vorüber sind. Der Arbeitsmediziner Kissling empfiehlt, Arbeiten vor dem Urlaub abzuschliessen und rechtzeitig einen Stellvertreter einzusetzen.

Entscheidend für den Erholungsprozess ist auch, in den Ferien nicht ständig an die Arbeit zu denken. «Wenn möglich bleiben das Blackberry und das E-Mail-Konto unangetastet», rät Kissling. «Geht das nicht, gilt es klar zwischen Job und Ferien zu unterscheiden. In einem solchen Fall hilft es, bewusst eine Stunde pro Tag für die Arbeit zu reservieren.»

Manchmal reichen aber auch die bestorganisierten langen Ferien nicht aus. Wer ein Burnout hat, wird in den Ferien nicht gesund. Dann muss die ganze Situation des Patienten analysiert werden, auch die Verhaltensmuster, die zum Burnout geführt haben. Meist bleibt nichts anderes übrig, als die Arbeit für einige Zeit zu unterbrechen und eine Therapie in Angriff zu nehmen.

Um nicht in eine solche Situation zu geraten, sollte man sich bei der Arbeit den Marathonläufer und nicht den Sprinter zum Vorbild nehmen. «Wer sich zu viel auf einmal Mal zumutet, könnte aus dem Gleichgewicht geraten», sagt Kissling. Treten erste Anzeichen einer Überbelastung wie Schlafprobleme, Konzentrationsschwächen oder ein verspannter Rücken auf, gelte es zurückzufahren.

Doch was, wenn der Beruf dies nicht zulässt? «Aus medizinischer Sicht ist es sinnvoll, Personen, die in ihrem Job überdurchschnittlich gefordert sind, zusätzliche Ferienwochen zu gewähren», so Kissling. «Wer viel arbeitet, sollte acht Wochen zur Verfügung haben. Wer bei der Arbeit weniger stark belastet ist, kommt mit vier Wochen aus.» Hier sind nach Ansicht des Arbeitsmediziners die Unternehmen gefragt: Sie sollten die Flexibilität besitzen, ihren Angestellten bei Bedarf unbezahlte Ferien zu ermöglichen.

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