VON TINA KAISER

Mit roten Haaren lebt es sich ein bisschen so, als sei man ein Farbiger in Ostdeutschland. Im Zweifelsfall ist man immer der Einzige. Glaubt man einer Studie des «National Geographic», gibt es uns in knapp 100 Jahren gar nicht mehr. Wenn uns doch mal ein anderer unserer aussterbenden Spezies über den Weg läuft, kommt es nicht selten zu absurden Verbrüderungsszenen.

Erst vor einigen Wochen hielt vor mir ein Auto, um mich über die Strasse zu lassen. Die Aktion war völlig unnötig, kein anderer Wagen weit und breit. Aber der Fahrer kurbelte die Scheibe herunter, zeigte auf seine Haare und rief: «Wir Rotschöpfe müssen zusammenhalten.»

Damit wir uns hier nicht falsch verstehen. Ich finde meine Haare toll. Klar, als Kind war ich der Karottenkopf, der Feuermelder, der Leuchtturm oder gern auch mal die Hexe, aber das ist bei weitem besser als fette Sau oder Glupschauge. Zugegeben, lästig ist die Haut, die rasend schnell rot, aber niemals braun wird. Mein Arm ist sehr beliebt als Vergleichsobjekt, wenn Freunde ihre Urlaubsbräune vorführen wollen. Bei meinem letzten Hautarztbesuch begrüsste mich der Doktor mit den Worten: «Sie sind ein lebendes Hautkrebsrisiko.»

Dafür ist die Gefahr recht gering, übersehen zu werden. Die meisten Männer scheinen den festen Plan zu haben, am Ende ihres Lebens mindestens eine rothaarige Freundin vorweisen zu können. Mein letzter Freund war hingegen ein Spätberufener. Immer wieder schüttelte er aus heiterem Himmel den Kopf und sagte: «Also, dass ich mal auf Rothaarige stehen würde, hätte ich nie gedacht.» Nachdem Schluss war, schrieb er mir eine «Wollen wir es noch mal versuchen?»-E-Mail und klagte, seit unserer Trennung würde er überall auf der Strasse Rothaarige sehen.

Wie aber wäre es, einmal wirklich in der Mehrheit zu sein? Um das herauszufinden, gibt es eigentlich nur einen Ort auf der Erde: die niederländische Kleinstadt Breda. Seit 2005 treffen sich dort an einem Sonntag im September die Rotschöpfe dieser Welt zum International Redheadday. Im ersten Jahr waren es 150, im zweiten 800, in diesem Jahr schon 5000.

Als ich davon las, dachte ich spontan: wie bescheuert. Mal mit einem Rothaarigen quatschen, schön und gut, aber dafür extra nach Holland fahren? Andererseits, wenn Menschen sich zu Dackel-Klubs zusammenfinden und Linkshänder-Golfturniere veranstalten, warum dann nicht mal Rothaarige treffen? Es kommt auf einen Versuch an.

Als ich am Samstagmittag auf dem Marktplatz von Breda ankomme, herrschen irische Verhältnisse. Die Roten sind noch nicht in der Überzahl, aber sie sind auffallend viele. Der offizielle Redheadday beginnt erst am nächsten Tag, einige sind aber schon angereist.

Von einem Tisch in einem Strassencafé winken mir zwei Jungs schüchtern zu. «Willst du dich nicht zu uns setzen?» Aaron, 19, kastanienrot, aus England, und David, 29, karottenrot, aus den USA sind ein schräges Gespann. «Wir haben uns im Internet bei Redhead-world.net kennen gelernt», sagt Aaron. Das sei so eine Art Facebook für Rothaarige. Beide erzählen, wie sie ihr ganzes Leben wegen ihrer roten Haare gehänselt wurden und der Wunsch immer grösser wurde, sich gegen die Blonden, Braunen und Schwarzen zu formieren.

«In der Schule hab ich jeden verprügelt, der mich Karottenkopf genannt hat», sagt David. Als Erwachsener ginge das leider nicht mehr. David arbeitet als Verkaufsleiter in einer Hypothekenbank. 2009 versprach Davids Chef den Mitarbeitern einen ungewöhnlichen Bonus. Wer die meisten Hypotheken verkaufte, durfte am Ende des Jahres die Haare von David abrasieren.

Gefragt hat David keiner, ob er damit einverstanden ist. «Wäre ich schwarz, behindert oder eine Frau, könnte ich die Bank auf eine schöne Summe wegen Diskriminierung verklagen.» Rothaarige sind dagegen in den USA keine geschützte Minderheit. «Als Rothaariger bist du doch immer der Clown, über den man lachen darf.»

Dass die DiskriminierungRothaariger gesellschaftsfähig sein kann, ist mir erst aufgefallen, als ich vor zwei Jahren nach London zog. An meinem ersten Wochenende kaufte ich mir die eigentlich linksliberale Zeitung «Guardian». Der Titel der Samstagsbeilage lautete sinngemäss: «Warum ich meine Kinder liebe, obwohl sie rothaarig sind.» Die Engländer finden Rothaarige hässlich, weil sie die Schotten und Iren hassen und die nun mal sehr häufig rothaarig sind. Anekdotische Beweise gibt es dafür zuhauf.

Die Geschichte der Familie Chapman machte landesweit Schlagzeilen. Dreimal zogen sie um, weil ihre Kinder wegen ihrer roten Haare verprügelt wurden. Tim Culley flog 2002 aus dem «Big Brother»-Haus, nachdem herausgekommen war, dass seine braunen Haare nur gefärbt und er in Wahrheit rothaarig ist. Er wurde zur nationalen Witzfigur und wanderte schliesslich nach Südafrika aus.

Solche Geschichten kennt Bart Rouwenhorst gut. Obwohl er blonde Haare hat, ist der 39-Jährige in den vergangenen fünf Jahren zum Kopf der weltweiten Rothaarigenbewegung geworden. Wirklich liegen tut ihm die Rolle des Anführers nicht. 150 Rothaarige aus Europa, Australien, Nord- und Südamerika haben sich inzwischen zum gemeinsamen Abendessen zusammengefunden. Aufgeregtes Geschnatter in diversen Sprachen erfüllt den Saal. Nur Rouwenhorst sitzt still in einer Ecke und beobachtet lächelnd die rote Völkerzusammenführung.

«All diese schönen, glücklichen Menschen», sagt er leise. Dass er heute Organisator des grössten Rothaarigentreffens der Welt ist, sei ein Zufall gewesen. Der Hobbykünstler suchte 2005 eigentlich nur 15 rothaarige Frauen, um sie zu malen. Statt 15 meldeten sich 150 auf eine Anzeige. «Ich habe alle eingeladen, um sie zu fotografieren.» In den Monaten danach häuften sich bei ihm die Anrufe und E-Mails von Rothaarigen, die sich ein weiteres Treffen wünschten. «Meine Heimatstadt Breda hab ich um Geld für ein solches Rothaarigenfestival gebeten und dann hat sich die Sache irgendwie verselbstständigt.»

Warum er das macht? «Ich kenne das Gefühl, ausgegrenzt zu werden.» In der Schule sei er immer ein Einzelgänger gewesen. Den meisten Rothaarigen ginge es genauso. «Ich freue mich einfach, wie die Rothaarigen aufblühen, wenn sie sich hier in Breda treffen.»

Die Freude ist ein ziemlich teures Hobby. Zehntausende von Euro hat ihn das Festival über die Jahre schon gekostet. Ganz uneigennützig ist der Einsatz aber nicht. Denn Rouwenhorst steht auf rothaarige Frauen. «Weil sie so viel ertragen mussten in der Kindheit, sind sie heute besonders starke Menschen.» Ein deutscher Wissenschafter habe ausserdem nachgewiesen, dass Rothaarige sexuell besonders aktiv seien, sagt er und grinst seine rothaarige Freundin Linda an. Die beiden haben sich auf dem Rothaarigentag 2007 kennen gelernt.

«Die Rothaarigen erzählen mir immer, dass sie sich bei den Treffen das erste Mal nicht wie Ausserirdische auf einem fremden Planeten fühlen», sagt Rouwenhorst. Ich dagegen fühle mich hier das erste Mal in meinem Leben wie ein Alien. Dass die Rothaarigen im Restaurant Humphreys sitzen, hat sich draussen inzwischen offenbar herumgesprochen. In 10-Minuten-Abständen kommen schaulustige Nichtrothaarige in das Lokal, gaffen uns mit grossen Augen an, lachen und machen ungefragt Fotos von uns. So fühlt sich also ein Zootier.

Es ist ein kleiner Vorgeschmack auf den nächsten Tag. Als wäre über Nacht wirklich ein Raumschiff vom Planeten Rothaar gelandet, ist der Marktplatz voll von Tausenden von Rotschöpfen. Die versprengten blonden, schwarz- und braunhaarigen Journalisten und Passanten starren uns ebenso ungläubig an, wie wir uns gegenseitig. Rouwenhorst hält eine kurze Ansprache und fordert uns auf, ihm «zum grossen Fotoshooting» in den Park zu folgen. Wie der Rattenfänger von Hameln läuft er voraus, seine rothaarige Fangemeinde hinterher. Im Park versammeln sich alle auf einer eingezäunten Wiese. Ordner achten streng darauf, dass kein Andershaariger sich unter die Roten mischt. Diskriminierung einmal andersherum.

Rouwenhorst steht inzwischen zusammen mit anderen Fotografen auf einem Kran und knipst wie wild Bilder. «Jetzt, alle mal Arme hoch», «Jetzt, alle mal winken», «Jetzt, alle mal schreien», ruft er durch ein Megafon. Das ist alles eigentlich ziemlich albern, aber Rouwenhorst scheint trotzdem recht zu behalten.

Höchstens beim Kölner Karneval habe ich je so viele freundliche und glückliche Menschen erlebt. Allerdings sind da auch alle betrunken. Die einzigen Flaschen, die hier herumgereicht werden, sind voll Sonnenmilch mit Lichtschutzfaktor 30 plus. «It’s so awesome», brüllt mir eine schlanke Rothaarige namens Kim aus New Orleans ins Ohr. Seit ihrer Geburt 1987 habe sie nur zwei Rothaarige kennen gelernt. «Es ist, als wenn man als Adoptivkind plötzlich seine wirkliche Familie findet.»

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