VON KURT-EMIL MERKI UND SANDRO BROTZ

Herr Lewinsky, 63 Jahre hielten Sie es ohne Parteimitgliedschaft aus. Jetzt sind Sie der SP beigetreten. Weshalb? .
Im Nachklang zur Minarett-Initiative kam ich zur Überzeugung, dass ich nicht in der exklusiven Intellektuellen-Ecke verharren kann. Ich will mich stärker politisch engagieren.

Erklären Sie uns, wie wir uns Ihr Engagement in der SP vorstellen müssen. Werden Sie an Sitzungen teilnehmen, Flugblätter verteilen, Unterschriften sammeln? .
Ich weiss es echt noch nicht. Es ist für mich ein neues und ungewohntes Gefühl, Mitglied einer Partei zu sein. Ich muss mich langsam herantasten, muss quasi lernen, Parteimitglied zu sein.

Aber Sie wollen ein aktives Mitglied sein? .
Ich werde mich bestimmt nicht für irgendetwas zur Wahl stellen; ich strebe kein Amt an.

Wenn Sie wirklich etwas verändern wollen, wäre dies die richtige Konsequenz. .
Bei meiner Lebensweise – ich bin die Hälfte des Jahres nicht in der Schweiz – wäre ein Amt nicht sehr sinnvoll.

Die SP hat es in der jüngeren Vergangenheit verpasst, Themen anzusprechen, die den Menschen unter den Nägeln brennen. Ausländerkriminalität, zum Beispiel. Oder Jugendgewalt. .
Die SP hat ihre Anliegen in der NachBodenmann-Phase nicht gerade genial vertreten. Schade, aber es ist so.

Hatte die SP Angst, in populistisches Fahrwasser zu geraten? .
Das einfache Argument gewinnt im Zweifelsfall gegen das richtige, wenn das richtige kompliziert ist. Das ist nicht sehr erfreulich, aber es ist so.

Ist das ein Aufruf an die SP, in der Argumentation simpler zu werden? .
Nicht simpler, aber klarer. Es gibt Sachverhalte, die man nicht auf Anhieb verstehen kann. Wobei die SP im Vergleich zur SVP einen grossen Nachteil hat. Die SVP ist die Partei der Neinsager. Das Dagegensein ist immer einfacher zu vermitteln.

Nach einer kurzen Pause dreht sich heute im Politbetrieb wieder alles um Christoph Blocher. Ihre Erklärung? .
Blocher ist schlicht ein besserer Populist als alle andern. Populismus ist ja nicht so einfach, wie es aussieht. Nehmen wir Herrn Darbellay als Beispiel: Der ist mit seinem Versuch, auf den Populisten-Zug aufzuspringen, gegen die Wand gelaufen. Vor seinen Äusserungen zu muslimischen und jüdischen Friedhöfen hätte er zwei, drei Privatstunden bei Herrn Schlüer nehmen sollen. Oder bei Herrn Mörgeli.

Im Moment ist es im Ausland sehr beliebt, auf die Schweiz einzuprügeln. «Newsweek» hat soeben «the end of Switzerland» prognostiziert . . . .
. . . herzig.

Löst solches Bashing bei Ihnen keine Abwehrhaltung aus? .
Ich habe kein Problem damit. Diese Schweiz, die da immer zu Tode erklärt wird, ist eine Schweiz, die es in dieser Form gar nie gegeben hat. Das ist die Heidi-Schweiz. Und jetzt stellen wir mit einiger Überraschung fest, dass wir ein ganz normales Land sind. Es ist an der Zeit, vom hohen Ross herunterzusteigen.

Sie leben auch in Frankreich und Deutschland. Hat der Ruf der Schweiz in diesen Ländern in den letzten Monaten gelitten? .
Er hat nicht halb so stark gelitten, wie das gern dargelegt wird. Der Ruf soll ramponiert sein und gleichzeitig wollen alle in die Schweiz zügeln – das ist nicht sehr logisch. In Frankreich höre ich immer: Ihr habt es gut in der Schweiz, wenn es bei uns nur so wäre wie bei euch. Der Ruf ist nur bei den Steuerhinterziehern angeschlagen. Aber das ist in Ordnung so.

Sie haben ein riesiges Werk geschaffen. Gibt es eigentlich Tage, an denen Sie nicht produktiv sein können? .
Besonders kreativ sind viele Schreiber, wenn sie nach Gründen suchen, weshalb sie gerade heute nicht kreativ sein können. Weil ich das weiss, auferlege ich mir strenge Arbeitszeiten. Ich arbeite ganz stur zu Bürozeiten, fange am Morgen jeweils um 9 Uhr an. Ich muss immer lachen, wenn ich gefragt werde, wo ich meine Ideen hernehme. Jeder Mensch hat jede Menge Ideen. Ein Schriftsteller ist jemand, der daraus etwas macht.

Entwickeln Sie einen Roman während des Schreibens. Oder besteht im Voraus ein genaues Konzept? .
Am Anfang eines Romans steht meist eine Grundfigur oder ein Handlungselement. Die denke ich dann laufend weiter, ohne etwas aufzuschreiben. Das kann sich über Jahre hinziehen. Plötzlich, ich kann es nicht genauer erklären, weiss ich, wie die Geschichte zu laufen hat.

Und dann beginnen Sie zu schreiben? .
Dann muss ich alles andere liegen lassen und sofort die ersten 40 Seiten niederschreiben. Meistens weiss ich, wie die Geschichte anfängt und wie sie endet. Von dem, was dazwischen passiert, habe ich jeweils nicht die geringste Ahnung. Das ist auch gut so. Sonst wäre die Schriftstellerei wie Malen nach Zahlen. Ich lasse mich bei der Arbeit gern überraschen.

Sie arbeiten aber sicher mit vielen Notizen? .
Bei «Melnitz», das glaubt mir wahrscheinlich niemand, hatten meine Notizen auf einem A4-Blatt Platz. Ich notierte die Figuren mit ihren Geburtsjahren. Ich rate jungen Autoren immer, einen Plan zu machen, halte mich selber aber nicht daran. Wenn ich eine Geschichte nicht im Kopf behalten kann, kann ich sie auch nicht aufschreiben.

«Melnitz» hat eine Gesamtauflage von rund einer halben Million Exemplaren. Was löst das bei Ihnen aus? .
Jeder Schreiber freut sich, wenn die Menschen lesen, was er schreibt, und es ihnen auch noch gefällt.

Freuen Sie sich über den Erfolg von «Melnitz» stärker als über den Erfolg von «Losed Sie, Frau Küenzi»?.
Eine eigenartige Frage. Sie fragen jemanden ja auch nicht, ob er mehr blond oder mehr Vegetarier sei. Das eine hat mit dem andern nichts zu tun.

Beides ist Lewinsky. .
Ich will jede Arbeit, die ich zu machen habe, möglichst gut machen. Wenn mir das Schweizer Fernsehen sagt, schreib uns eine Sitcom für ein breites Altersspektrum, dann versuche ich diesen Auftrag zu erfüllen.

Woran arbeiten Sie zurzeit? .
Seit «Melnitz» erschienen ist, habe ich drei Bücher geschrieben. Ein Kinderbuch, einen Fortsetzungsroman und ein Buch mit rein fantastischen Geschichten. Ich kann nach einem Marathon nicht sofort zu einem neuen Marathon starten. Zwischendurch braucht es die Kurzstrecke für die eigene Regeneration. Vor zwei Jahren habe ich aber mit einem neuen grossen Roman begonnen.

Wann erscheint das Werk? .
Ich benötige sicher noch zwei Jahre.

Handelt es sich wiederum um eine Familiensaga? .
Wenn ich ein literarisches Credo habe, dann dieses: bloss nicht zweimal dasselbe Buch schreiben. Das würde mich schlicht langweilen. Es wird also etwas völlig anderes werden, etwas, das ich noch nie gemacht habe.

Verraten Sie uns mehr! .
Es gibt zwei Sorten Hühner. Die einen gackern, bevor das Ei gelegt ist, und die andern danach. Ich gehöre nicht zur ersten Sorte.

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