Bundespräsident Ueli Maurer und Soziologieprofessor Kurt Imhof verbindet auf den ersten Blick nichts. Der eine war einst SVP-Scharfmacher und nutzte die Medien so gekonnt wie kein zweiter Parteipräsident, um die SVP zur wählerstärksten politischen Kraft zu machen: «Solange ich Neger sage, bleibt die Kamera bei mir.» Der andere hält die SVP für gefährlich und kritisiert die Medien dafür, den rasanten SVP-Aufstieg begünstigt zu haben: «Überall dort, wo die Medienqualität gesunken ist und Gratismedien dominieren, sind rechtspopulistische Parteien erstarkt».

Um so bemerkenswerter, dass sich Maurer und Imhof auf den zweiten Blick zum Verwechseln einig sind: in ihrer Kritik über die mangelnde Qualität der Medien in der Schweiz.

«Die Medien leisten heute nicht mehr, was für einen funktionierenden, freiheitlichen Staat nötig wäre – das macht mir Sorgen, und zwar ernsthafte»: Dieser Satz könnte von Imhof stammen, gesagt hat ihn aber Bundespräsident Maurer in seiner Rede vorletzten Freitag am Medienkongress in Interlaken. Er sprach von einem «medialen Meinungskartell» und einer «selbst verfügten Gleichschaltung». Einige der anwesenden Verleger und Chefredaktoren quittierten Maurers Medienkritik mit Buhrufen und Pfiffen. Als Maurer 2009 am gleichen Kongress den Medien «Pfusch» vorwarf, erntete er dafür noch Applaus – damals nahm er weniger die Verleger als die Journalisten ins Visier.

«Die Probleme der Personenfreizügigkeit werden verschwiegen. Da hat die SVP nicht unrecht»: Das wiederum klingt nach Maurer, sagte jedoch Soziologe Imhof im Oktober 2011 in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag». Jahr für Jahr und kommende Woche wieder publiziert Professor Imhofs Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Medien (Fög) der Universität Zürich das «Jahrbuch Qualität der Medien», in dem die zunehmende Medienkonzentration und die abnehmende Einordnungsleistung des Journalismus kritisiert wird.
Für diese wissenschaftlich untermauerte Kritik an der Medienqualität wird Imhof seit Jahren von den dominierenden Schweizer Verlagen entweder schnöde gedeckelt oder schlicht ignoriert. Ein Schicksal, das neuerdings auch der Bundespräsident mit ihm teilt: Kein Medium des Verlagshauses Tamedia, das nach der Einverleibung des Winterthurer «Landboten» 52,7 Prozent des Schweizer Lesermarktes kontrolliert, thematisierte Maurers Rede – bis gestern Samstag «Bund»-Chefredaktor Artur K. Vogel dann doch noch in die Tasten griff, um gegen «Maurers selbstgefällige Suada» anzuschreiben.

«Ein neues Phänomen ist, dass sich die Politik heute von links bis rechts einig ist über die mangelnde Medienqualität, auch wenn sie unterschiedlich begründet wird», stellt Kurt Imhof fest. «Rechts wird die völlig falsche These verbreitet, die Medien seien allesamt links, in der Mitte und links davon verfestigt sich der Eindruck, dass es einigen Verlegern nur noch um die Kapitalrendite geht und der Journalismus an Ressourcenmangel zugrunde gerichtet wird.»

Die «offensichtliche Qualitätsmisere» und der damit verbundene Reputationsverlust der Medien führe dazu, so Imhof, «dass heute jeder fröhlich und folgenlos Medienbashing betreiben kann» – bis hin zu unverhohlenen Respektlosigkeiten wie Ueli Maurers Beschimpfung eines SRF-Kameramannes als «Aff» vorletzte Woche im Nationalratssaal: «Vor einigen Jahren hätte das noch zu einem Sturm der Entrüstung geführt. Heute steht beim Publikum eher der aufdringliche Journalist am Pranger.»

Tatsächlich kam es noch vor einem Jahrzehnt politischem Suizid gleich, sich als Politiker offen gegen die Medien zu stellen. Das Publikum empfand dies als ungehörigen Angriff auf die Kontrolleure der Macht, und entsprechend scharf konnten die Medien zurückschiessen.

Als SP-Präsidentin Ursula Koch 1998 ebenfalls am Verlegerkongress von einer «unheimlichen Konzentration der Medien» sprach und sagte, sie lese kaum noch Zeitungen, sondern fast nur noch Bücher, weil Zeitungen Teil eines «tyrannischen Mediensystems» seien, markierte dies den Anfang ihres politischen Endes. «Koch erklärt der Presse den Krieg», titelten die Zeitungen. Die SP-Fraktion jaulte auf, und die Bundeshausjournalisten verbündeten sich mit ihren innerparteilichen Kritikern. Im April 2000 trat Ursula Koch zermürbt zurück – und zog sich von einem Tag auf den anderen komplett aus der Öffentlichkeit zurück.

Heute können sich Politiker mit Medienkritik profilieren, wie das Beispiel Ueli Maurer zeigt. In den Leserkommentaren bei «Blick Online» zu einem Bericht über Maurers Schelte stimmte die überwiegende Mehrheit der Leser dem Bundespräsidenten zu. Ein Phänomen, mit dem sich auch schon Tamedia-Verleger Pietro Supino konfrontiert sah: Als er 2010 in einem Essay «die Qualität unserer Presse» lobte, stellten ihn die eigenen Leser gleich reihenweise in den Senkel: «Da lachen ja die Hühner.»

«Zustimmung aus dem Publikum für die Medienkritik von Politikern ist ein Alarmzeichen», warnt Kurt Imhof. «Es zeigt, wie weit der Glaubwürdigkeitsverlust der Medien schon fortgeschritten ist. Einem breiteren Publikum ist Respekt für die Rolle des Journalismus in der Gesellschaft fremd geworden».

Ein ähnliches Phänomen lässt sich übrigens auch in Deutschland beobachten. Dort zeigte Maurers Berufskollege und SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück seinen Kritikern in Zeitungen, Radio und Fernsehen letzte Woche den Stinkefinger – auf dem Titel des «Süddeutschen Magazins». Aufgeheult deswegen haben vor allem die kritisierten Medien. Die Wähler dagegen streckten ihm an Veranstaltungen das Foto entgegen: als Unterlage für ein Autogramm.

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