Zumindest theoretisch kennt die Schweiz ein duales Mediensystem: private, gewinnorientierte Medien auf der einen Seite, die öffentlich-rechtliche, gebührenfinanzierte SRG auf der anderen. Die Grenzen sind allerdings längst verwischt: Private Lokalradio- und TV-Stationen hängen ebenso am Gebührentropf, die SRG verfügt über starke Werbeeinnahmen. Und die Inhalte gleichen sich immer mehr an.

Otfried Jarren, Zürcher Medienprofessor und Präsident der Eidgenössischen Medienkommission, schlägt nun eine Art des neuen Wettbewerbs vor: Die beiden Mediensysteme sollen sich in ihrer gesellschaftlichen Funktion unterscheiden. Die SRG müsse sich stärker auf ihre integrative Funktion besinnen, die privaten Medien ihre kritische Kontrollfunktion wahrnehmen. Oder als Schlagzeile formuliert: mehr Kohäsion durch die Programme und Online-Offerten der SRG, mehr Konflikte im Angebot der privaten Medien.

Vor Verlagsmanagern hatte Jarren seine Idee erstmals Anfang Jahr in einem Vortrag geäussert – und blieb ungehört. Gegenüber der «Schweiz am Sonntag» führt er sie nun aus: Das Mediensystem habe sich in den vergangenen Jahrzehnten stark ausdifferenziert, es gebe unzählige Zwischenformen im Spektrum zwischen den klassischen Massenmedien und den neuen sozialen Medien. Ein kultureller Prozess habe zwar zu einer Verständigung zwischen den Nutzern und den Medienschaffenden geführt. So wissen die Nutzer ziemlich genau, welche Inhalte sich in welchem Medium in welcher Qualität finden. Die Medienschaffenden wiederum wissen, diesen Erwartungshaltungen zu entsprechen. Diesen Prozess, so meint Jarren, sollten die Medien nun gezielt nutzbar machen.

Die SRG, so meint Jarren, könne er sich als eine Plattform vorstellen, die eine «Bündelungsfunktion» für schweizerische Inhalte wahrnehme. Als ein «gesellschaftliches Gedächtnis» müssten darauf nicht nur die aktuellen Streaming-Inhalte angeboten werden, sondern gleichsam auch das Archiv. Jarren verlangt nicht etwas grundsätzlich Neues, da der Programmauftrag in der Konzession bereits lautet: «Die SRG fördert das Verständnis, den Zusammenhalt und den Austausch unter den Landesteilen, Sprachgemeinschaften, Kulturen, Religionen und den gesellschaftlichen Gruppierungen. Sie fördert die Integration der Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz.» Die SRG, so meint Jarren, müsse diesen Auftrag jedoch stärker in den Mittelpunkt rücken, um sich damit zu profilieren und sich von den privaten Medien abzugrenzen. Etwa auch, indem sie fremdsprachige Angebote für in der Schweiz Lebende anbietet. Im Sinne des Gemeinwohls fördere sie damit den Zusammenhalt.

Eine stärkere Profilierung ihrer gesellschaftlichen Funktion verlangt Jarren aber auch von den privaten Medien. Ihnen weist er die Aufgabe zu, mit kritischem, investigativem und hintergründigem Journalismus die Konfliktlinien in der Gesellschaft in den Mittelpunkt zu rücken. Private Medien, die sich über den Markt behaupten müssen, hätten dazu strukturell die bessere Ausgangslage. Aufgrund des privaten Risikokapitals seien sie freier, aber auch aggressiver in ihrem Auftreten. Die privaten Medien seien die Treiber der gesellschaftlichen Entwicklung, meint Jarren. Jede Veränderung komme von unten und benötige mediale Verbreitung, um sich durchzusetzen. Dafür eigneten sich die privaten Medien besser als eine konsensorientierte SRG.

Medien, sagt Jarren, müssten aber in jedem Fall «etwas wollen». Er kritisiert, dass sie diese Tugend immer mehr vermissen liessen. Journalismus sei immer weniger das Primärgeschäft von Medienunternehmen, sondern zunehmend das Mittel zum Zweck, mit den Lesern andere Geschäfte zu treiben. Doch damit verlören sie an Glaubwürdigkeit und schwächten sich selbst.

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