Die Bewerbungsfrist läuft ab. In einer Woche. Wer journalistisch über Menschenhandel in Zentralafrika, die Demokratisierung in Bhutan oder über Klimaflüchtlinge in Bangladesh berichten möchte, die Finanzierung jedoch nicht gesichert hat, kann sich bis dahin beim Verein Real21 melden. Er vergibt bis zu 10 000 Franken pro Produktion. Die Anforderungen gemäss Reglement sind bescheiden, selbst die Bereitschaft eines Mediums, den Beitrag innerhalb eines Jahres publizieren zu wollen, muss nur unverbindlich belegt sein.

Schon über ein Dutzend Gesuche seien eingetroffen, sagt Vorstandsmitglied Diego Yanez. Ein Reporter wolle aus China über die Umsiedlung von 150 Millionen Menschen in den kommenden zwölf Jahren berichten. Ein anderer, wie nepalesische Bauarbeiter in Katar ausgebeutet würden und dennoch ein tragender Wirtschaftsfaktor in der Heimat seien.

Yanez, ex-Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, ist heute Direktor des Luzerner Medienausbildungszentrums (MAZ). Und die Journalistenschule ist ebenso Trägerin des Vereins Real21 wie Alliance Sud, eine Dachorganisation der Schweizer Hilfswerke. Finanziert wird das Projekt allerdings durch die eidgenössische Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Und diese lässt sich ihr Medienengagement etwas kosten: 431 000 Franken für die ersten drei Jahre.

Die Deza bleibt wohlweislich im Hintergrund. Denn das Konstrukt ist problematisch: Staatliche Stellen finanzieren Journalismus. Sprecher Georg Farago sagt jedoch: «Die Deza nimmt keinen Einfluss auf den Inhalt der einzelnen Berichte der Journalisten und wahrt so die Freiheit der Medien.» Einflussnahme ist auch nicht nötig, wie jeder PR-Anfänger weiss: Nach der Agenda-Setting-Theorie ist entscheidend, dass ein Thema überhaupt in der medialen Öffentlichkeit auftaucht, die Stossrichtung ist zweitrangig. Und selbst da geht die Deza wenig Risiko ein: Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Medienschaffender auf den vorgeschlagenen Themenkanon einlässt, sich die Recherche von der Deza mitfinanzieren lässt und dann einen dezidiert Deza-kritischen Beitrag produziert, ist ausserordentlich klein.

Farago begründet das Deza-Engagement mit dem Rückgang der Auslandberichterstattung in den Schweizer Medien. «Einordnende, sorgfältig recherchierte Hintergrundberichte aus Entwicklungs- und Schwellenländern sind rar geworden», sagt Farago. Eine Bevölkerungsumfrage zeige, dass sich ein Drittel der Stimmbürger in Fragen der Entwicklungszusammenarbeit nicht ausreichend informiert fühle.

Medienschaffende sind in der Frage der Drittmittelfinanzierung geteilter Ansicht. Philipp Cueni, Chefredaktor des Branchenmagazins «Edito», meint, im konkreten Fall seien die Hürden hoch genug, um eine Einflussnahme zu verhindern. Nick Lüthi, Chefredaktor der «Medienwoche», moniert, die Rahmenbedingungen würden kaum kritische Geschichten gegenüber der Deza oder den Hilfswerken entstehen lassen.

Was nun von der Deza mit grösserer Kelle angerichtet wird, hat eine mehrteilige Vorgeschichte. So finanzierten die staatlichen Entwicklungshelfer seit 2006 in der Deutschschweiz und der Romandie die Agentur InfoSüd mit jährlich 260 000 Franken. Das Unterfangen wurde vor zwei Jahren jedoch eingestellt, weil immer weniger Zeitungsredaktionen bereit waren, die teilsubventionierten Beiträge abzudrucken. In der Westschweiz zahlt die Deza derzeit jährlich 50 000 Franken an den Verein «En Quête d’Ailleurs». In deren Programm erarbeiten jeweils ein Schweizer Journalist zusammen mit einem Journalisten aus einem Entwicklungsland Reportagen zu «entwicklungsrelevanten Themen».

Auch das MAZ ist seit Jahren Deza-verbunden durch ein «Stage-Programm», das jungen Journalisten einen Aufenthalt bei einer Redaktion in einem fernen Land ermöglicht. Ein Taggeld von 60 Franken und eine Reisepauschale von 1000 Franken schiesst der Staat zu, was sich auf jährliche Kosten von 60 000 Franken summiert.

Anders gelagert ist das frankenmässig grösste Medienprojekt der Deza. Denn jährlich fliessen 2,4 Millionen Franken an die global agierende Stiftung Hirondelle, die seit zwanzig Jahren Medienprojekte in Krisen- und Kriegsgebieten zur Information der jeweiligen Bevölkerung organisiert.

Den grossen medialen Auftritt als Medienförderin hatte die Deza bisher nicht. Dies wird sich im kommenden Jahr ändern. Dann wird der Verein Real21 zudem erstmals einen mit 10 000 Franken dotierten Hauptpreis für einen journalistischen Beitrag über «globale Entwicklung» verleihen. Nicht ausgeschlossen ist, dass dann ein Werk prämiert wird, das zuvor selbst mitfinanziert worden ist.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper