Der Bund hat bewiesen, dass er Spitzen von staatsnahen Betrieben nach den modernen Regeln der guten Unternehmensführung (Corporate Governance) mit qualifiziertem Personal besetzen kann. Dies vor allem, um ein gesundes Kräftegleichgewicht zwischen der operativen Führung und dem Verwaltungsrat herzustellen. So präsidiert die Logistikerin Monika Ribar (ex Panalpina) den Verwaltungsrat der SBB und Hansueli Loosli (Coop) jenen der Swisscom. Die Ernennung von Alt-CVP-Nationalrat Urs Schwaller an die Spitze der Post war bereits wieder ein erster Rückfall in die Zeit der politischen Klientelwirtschaft, und die Wahl von Ex-CVP-Nationalrat Jean-Michel Cina an die Spitze der SRG ist nun ein zweiter.

Politisch ausgereizte Karriere
Cina (52) ist Vollblutpolitiker ohne erkennbaren Leistungsausweis im Medienbereich. Seine politische Karriere scheint allerdings ausgereizt. Er war CVP-Fraktionschef unter der Bundeshauskuppel, ein Sprung in die Landesregierung war ihm verwehrt und ist mittlerweile ausser Reichweite. Nun ist er Walliser Staatsrat mit Amtszeitbeschränkung und angekündigtem Rücktritt. Die SRG ist für den ehrgeizigen wie kommunikativen Cina ein ideales Sprungbrett, um auf das nationale Parkett zurückzukehren. Dass er es nutzt, ist ihm nicht zu verargen.

Das Bewusstsein, dass ein Sachkundiger an der SRG-Spitze stehen sollte, war schon ausgeprägter. Nach einer langen Phase, in der sich bewährte CVP- und FDP-Kräfte aus der nationalen Peripherie, aus dem Bündnerland (Ettore Tenchio) oder der Romandie (Jean Brolliet, Yann Richter) im Amt ablösten, trat 1992 mit Eric Lehmann immerhin ein Medienschaffender das Amt als Zentralratspräsident der SRG an. Der ehemalige TSR-«Tagesschau»-Moderator war auch Herausgeber der «Tribune de Genève» und zeitweise Generaldirektor des neu gegründeten kosovarischen Radio und Fernsehens. Das SRG-Amt hatte er Medienminister Adolf Ogi zu verdanken, der ihm verbunden war, nachdem Lehmann versucht hatte, in Genf eine SVP-Kantonalpartei aufzubauen.

Von der SRG zur Polizei
Das SRG-Nebenamt kümmerte Lehmann wenig. Es war dennoch überraschend, als er 2002 den Job als Chef der Waadtländer Kantonspolizei annahm. Für den neuen Medienminister Moritz Leuenberger (SP) war er damit als SRG-Präsident untragbar geworden. Jean-Bernhard Münch, der nach einer hastigen Suche gefunden wurde, galt zunächst bloss als Übergangspräsident. Doch Münch blieb nicht nur neun Jahre im Amt, sondern entpuppte sich als der beste aller bisherigen SRG-Präsidenten. Der ehemalige Chef der European Broadcasting Union (EBU) war sowohl fachlich kompetent als auch beschlagen im Umgang mit unterschiedlichsten Anspruchsgruppen.

Münch nahm eine Reorganisation der SRG in Angriff, dass die strategischen Unternehmensentscheidungen nicht mehr nach eigenem Gutdünken von der Generaldirektion entwickelt und gefällt werden, sondern tatsächlich vom Verwaltungsrat. Seine grösste Leistung war jedoch, dass er vor seinem eigenen Abgang mit Roger de Weck einen Generaldirektor gewann, der anders als seine Vorgänger weder in der Bundesverwaltung (Armin Walpen, Leo Schürmann), noch innerhalb der SRG (Antonio Riva, Stelio Molo) einen Leistungsausweis erworben hatte.

Raymond Loretan, der wiederum Münch beerbte, hat keine entsprechenden Spuren hinterlassen. Als schillernde Figur in Diensten des diplomatischen Korps und der CVP schien das persönliche Fortkommen stets über den Interessen der SRG zu stehen. Besonders augenscheinlich wurde dies, als er sich – statt gegen die für die SRG gefährliche Billag-Initiative einzusetzen – lieber, wenn auch vollends vergeblich um einen Genfer Ständeratssitz bewarb.

Loretans Abgang durch die Hintertür war die Chance von Viktor Baumeler. Der ehemalige Luzerner Staatsschreiber hatte schon 2011 auf das Präsidium aspiriert, musste sich damals jedoch mit dem Vizepräsidium begnügen. Nun rutschte er unverhofft, wenn zunächst auch nur interimistisch auf den Chefsessel. Wenig überraschend scheiterte im Spätherbst 2015 eine erste Findungskommission, der Baumeler selbst angehörte. Damit verlängerte sich seine Amtszeit bis «spätestens Ende 2017», wie die ungewöhnliche Amtsdauer beschrieben wurde. Ein neuer Suchtrupp ohne Baumeler machte sich im vergangenen November erneut an die Arbeit.

Gemäss SRG standen auf der Liste zeitweise 74 Namen aus einem breiten Spektrum von «Wirtschaft, Medien und Politik». Doch die Reihe schrumpfte nicht nur in der Länge, sondern auch in der Breite. Offenkundig fand sich weder eine erfahrene Persönlichkeit aus der Privatwirtschaft noch aus den Medien für den Fünfzig-Prozent-Job, der mit 153 000 Franken abgegolten wird.

Verpuffter Protest von rechts
Dass die Wahl auf Cina fallen wird, berichtete die «NZZ am Sonntag» vor zwei Wochen. Was als problematische Indiskretion hätte gelten können, wurde für die Wahlstrategen zum Vorteil: Während die Linke sich nicht mehr um das Geschäft kümmerte, verschoss das SRG-kritische Lager reflexhaft seine Munition: Ein Zeichen von Filz sei es, dass die CVP-Bundesrätin Doris Leuthard erneut einem CVP-Mann die SRG-Position zugeschanzt werde. Als die Wahl dann tatsächlich erfolgte und mit 36 zu 3 Stimmen schlank von den Delegierten abgesegnet wurde, war die Lust am Protest verpufft.

Gratulieren kann sich Roger de Weck. Mit Jean-Michel Cina hat der Generaldirektor einen Präsidenten unter sich, der zwar genug Profilierungsambitionen hat, um sich für die Belange der SRG einzusetzen, aber auf absehbare Zeit nicht genügend Wissen, um inhaltlich eine eigenständige Position zu entwickeln.

Die Idee von Corporate Governance wäre eigentlich eine andere.

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