Die Pilot-Folge drehte Anita Fetz in der Wintersession. Das Schweizer Fernsehen berichtete am 5. Dezember sechs Stunden live aus dem Bundeshaus. Und das TV-Publikum konnte wählen, mit welchen Politikern oder Polit-Funktionären die Fernsehmacher Interviews führen sollen. Dass sich die SVP dieser Inszenierung verweigerte, überraschte niemanden. Dass aber auch SP-Co-Generalsekretärin Flavia Wasserfallen ihre Zusage zurückzog, sorgte für Gesprächsstoff in der Wandelhalle. Ausgelöst hatte den linken Boykott SP-Ständerätin Fetz, die das TV-Polit-Spektakel als «unwürdige Casting-Show» geisselte.

Die linke Kritik am Schweizer Fernsehen ist seither in Serie gegangen. Fast obsessiv arbeitete sich SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer in den letzten Wochen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter am öffentlich-rechtlichen Fernsehen ab. «Das TV-Programm wird matt und matter», twitterte sie in Anspielung auf SRF-Direktor Ruedi Matter. «Geht das 2013 so weiter, kann man sich die Billag-Gebühren glatt sparen.» In einem anderen Tweet schreibt sie von «Zwangsfernsehen SRF» – und steht mit ihrer Wortwahl der traditionell scharfen TV-Kritik von rechts in nichts nach.

Auf der rechten Seite des politischen Spektrums hat die Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen zuletzt spürbar nachgelassen. Die schärfste SRG-Kritikerin, SVP-Nationalrätin Natalie Rickli, hat ein Burnout ausser Gefecht gesetzt. Der berüchtigte «Hofer-Club», der das Fernsehen jahrzehntelang ins rechtsbürgerliche Visier nahm, ist Ende der 1990er-Jahre der Vergreisung zum Opfer gefallen. Die Nachfolge-Vereinigung «Medien-Forum» um den früheren FDP-Nationalrat Peter Weigelt, die heute als «Aktion Medienfreiheit» von FDP-Nationalrat und Ex-TV-Chefredaktor Filippo Leutenegger weitergeführt wird, leidet unter chronischer Harmlosigkeit. Ein Vorwurf, den man den linken Kritikern nicht machen kann – zumal sie zusammen mit der CVP und der zersplitterten Mitte die entscheidende politische Basis für die Institution SRG bilden. Umso bemerkenswerter ist die Deutlichkeit der Kritik, die von links an die SRF-Führung gerichtet wird.

«Die Reduit-Schweiz ist bei SRF überrepräsentiert, die urbane Schweiz findet praktisch nur im Kulturplatz statt. Mit dieser Einseitigkeit verletzt SRF den Bildungs- und Kulturauftrag», sagt SP-Ständerätin Anita Fetz. «Die SRF-Verantwortlichen vergessen, dass 75 Prozent der Gebührengelder aus den urbanen Zentren kommen. Die Akzeptanz für die geplante Ausdehnung der Gebührenpflicht auf Haushalte ohne TV-Gerät ist in den Städten nicht gegeben, wenn das Programm derart einseitig ausgerichtet ist.»

Von einem «total langweiligen, profillosen Programm» spricht Susanne Leutenegger Oberholzer: «Zu viel Glanz und Gloria, zu wenig kantige politische Diskurse, zu viele oberflächliche und zu wenig hintergründige Recherchen». Kritik, die auch von Fetz geteilt wird: «Das oberflächliche Abfilmen des politischen Betriebs ist keine Leistung. Das gut gebildete, politisch interessierte Publikum wird von SRF zu wenig berücksichtigt.» Fetz weiter: «Dank Gebühren muss SRF für den Werbemarkt nicht Quoten bolzen. Der Spielraum ist grösser als bei privaten Medien. Diese Chance nutzt SRF zu wenig. Hier hätte ich von der neuen Leitung mehr Akzente erwartet.»

SRF-Direktor Rudolf Matter kontert: «SRF hat 2012 im Rahmen von ‹SRF bi de Lüt› mit Live-Sendungen und Dokutainment-Formaten aus dem urbanen Umfeld Akzente gesetzt.» Zum Vorwurf fehlender Recherchen sagt er: «Mit ‹10vor10›, ‹Kassensturz›, ‹Eco› und der ‹Rundschau› verfügen wir über Sendungen, die stark auf Recherchen setzen. Mitte 2011 haben wir zudem beschlossen, in ‹Tagesschau› und ‹10vor10› Vertiefung und Analysen zu stärken.» Dafür wolle man 2013 mehr Ressourcen freimachen: «Im Unterschied zu vielen Print- und Online-Medien ist es uns möglich, Ressourcen für Recherchen zur Verfügung zu stellen. Diesen Vorteil wollen wir stärker ausspielen.» TV-Chefredaktor Diego Yanez, dem auch aufgefallen ist, «dass aus dem linken Lager die Kritik zugenommen hat», weist die Kritik ebenfalls zurück: «Wir werden heute aus allen Lagern kritisiert. Ich bewerte das so, dass wir ausgewogen arbeiten.»

Anders schätzt die Lage FDP-Nationalrat Leutenegger ein: «Politische Sendungen haben nicht nur Zuschauer, sondern auch Substanz und Relevanz verloren. Offenbar irritiert das jetzt auch linke Politiker. Dass SRF im linken Spektrum mit Kritik zu kämpfen hat, muss für die SRF-Führung in Kombination mit schwindenden Marktanteilen ein Alarmzeichen sein. Ohne linke Unterstützung wird es für die SRG ungemütlich.»

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