VON CLAUDIA WEISS

Als Amy Chua gesteht, sie habe ihre Tochter gezwungen, bis Mitternacht an einem Klavierstück zu sitzen und weder zu trinken noch zur Toilette zu gehen, bis sie das Stück reibungslos spielen könne, erntet sie bei ihren amerikanischen Freunden entsetzte Reaktionen. Entsprechend emotional ist die Kontroverse, die das provokative Buch der amerikanisch-chinesischen Juraprofessorin über das «erfolgreiche chinesische Erziehungsmodell» in Amerika ausgelöst hat.

Diese Woche ist es unter dem Titel «Mutter des Erfolgs» auf Deutsch erschienen und bereits unglaubliche 40000-mal verkauft worden, derweil sich chinesische Blogseiten rasant mit erfreuten und entgeisterten Kommentaren von Müttern füllen. Auch bei Xin Zhang (35) und Simon Stähli (34) gibt das Buch zu diskutieren: Das chinesisch-schweizerische Ehepaar lebt in Bremgarten bei Bern und ist stets auf der Suche nach der besten Erziehungsmethode für die beiden Töchter Sophia (4) und Lotta (7 Monate). «Was Frau Chua da beschreibt, ist sicher nicht die chinesische Durchschnittserziehung, sondern allenfalls die einer Einwanderertochter», ist Xin Zhang überzeugt.

Sie selber erlebte jedenfalls ihre Kindheit in Guizhou, einer bergigen Provinz in Südwest-China, anders: Ihre Eltern hatten sich nach der Kulturrevolution mit über 30 eifrig weitergebildet und es zum Uniprofessor und zur Managerin einer Kleiderfabrik gebracht. Xin als ältere von zwei Töchtern bekam von ihrem Vater schon früh die Begeisterung für Bücher und europäische Filme mit. Später durfte sie gar ohne elterlichen Widerstand Film- und Medienwissenschaften studieren, was ungewöhnlich war in einem Land, in dem Wirtschaft und Recht zu den geachteten weil nützlichen Studiengängen zählen.

Während der Schulzeit stellte der Vater ihr oft spielerisch Matheaufgaben, setzte sie aber nie unter Druck, sondern forderte ihren Ehrgeiz. Auch die Mutter nahm es verhältnismässig entspannt. «Sie übte viel für die Schule mit mir – Schule bedeutet in China immer viel Arbeit –, war aber nicht böse über schlechte Schulleistungen. Einzig als ich zwei Übertrittsprüfungen beinahe verpatzte, stresste sie das wirklich.»

Bei Buchautorin Amy Chua hätte es das nicht gegeben: Etwas anderes als die Bestnote zu erzielen erlaubte sie ihren Kindern prinzipiell nicht, sonst mussten sie unerbittlich üben, bis sie wieder die Besten waren. «Ohne Schmerz kein Erfolg», plädiert Chua und bedauert die westlichen Kinder, die früh aufgeben dürfen und daher die Freude eines hart erkämpften Erfolgserlebnisses verpassen. «In diesem Punkt stimmen wir ihr sogar teilweise zu», sagt Simon Stähli. Das überrascht, weil er als Kind von künstlerischen Eltern – die Mutter Werklehrerin, der Vater Zeichnungslehrer – sehr liberal aufwuchs und nach Belieben Hobbys ausprobieren und aufhören durfte. Schulstress kannte er nicht, aber am Ende schaffte er doch erfolgreich seinen Mastertitel in Fotogeschichte.

Nach der ersten Chinareise zu seiner Schwiegerfamilie kehrte er jedoch verändert zurück, schätzte plötzlich die Annehmlichkeiten der Schweiz neu und wünschte sich im Gegenzug, er hätte mehr Zähigkeit, mehr Biss. «Manchmal schadet es nicht, ein wenig durchzubeissen», ist er heute überzeugt. Ihn frappiert die Tatsache, dass in China gute Schulkinder auch bei Kameraden hoch angesehen sind, während sie in der Schweiz oft als Streber gehänselt werden. Bei seinen Töchtern will er versuchen, das Beste aus zwei Erziehungsstilen und zwei Kulturen zu verbinden. «Allerdings wollen wir uns niemals mit drakonischen Methoden durchsetzen.»

Vorläufig sieht die gemeinsame Methode so aus, dass sie durchzieht, was er erreichen möchte. Wenn Tochter Sophia morgens in der Kinderkrippe weint, würde er sie am liebsten wieder mit nach Hause nehmen. Seine Frau lacht: «Ja, fest zu bleiben überlässt du mir.» Für sie ist es einfacher, denn sie ist überzeugt, dass sie ihrer Tochter damit nicht schadet. Das zeigt einen Teil jener Haltung, die im Buch «Fähigkeiten und Selbstvertrauen auf den Weg geben» heisst: Chinesinnen glauben daran, dass ihre Töchter stark sind und ihren Weg schaffen.

Aber die Methoden von Autorin Chua, die dorthin führen sollen, heisst Xin Zhang keinesfalls gut: «Sie behauptet, Lernen soll nie Spass machen – warum?» Das Paar Zhang und Stähli hofft, dass sich die Töchter dereinst für eine Sache wirklich begeistern und sich leidenschaftlich dafür einsetzen, bis sie sie am Ende gut beherrschen, egal ob Schauspiel, Gitarre oder Tanz. Und beruflich, die Eltern lächeln verschmitzt, könnten sie vielleicht gute Wissenschafterinnen werden, denn Xin Zhang widerspricht der Erfolgsmutter Chua vehement: «Lernen macht Spass! Aber man muss die Kinder dazu verführen, statt Druck aufzusetzen.»

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