VON FABIENNE HUBER

Die Liebe entzündet ein wahres Feuerwerk von Hormonen und lässt Körper und Geist verrückt spielen. Die Nebenwirkungen dieses Zustandes sind genauso vielfältig wie die Liebe selbst. Sie mindern sogar unsere Geschmackswahrnehmung, wie Forscher herausgefunden haben. Davon betroffen sind aber nur die Rezeptoren für «süss» und «bitter». Verliebte Köche müssen sich für die versalzene Suppe also eine andere Ausrede suchen. «Salzig» und «sauer» nehmen frisch Verliebte sogar stärker wahr.

Den siebzig Probanden wurden Lösungen mit verschieden starken Konzentrationen der Geschmacksrichtungen vorgelegt. «Frisch Verliebte erkannten die Geschmäcker ‹süss› und ‹bitter› erst bei markant höheren Konzentrationen als Nicht-Verliebte», sagt Mark Lohmann, Leiter des Sensoriklabors am Technologie-Transfer-Zentrum Bremerhaven.

Hinter der verminderten Geschmackswahrnehmung bei Verliebten steckt das Hormon Serotonin. Das Glückshormon ist an der Wahrnehmung der Eindrücke süss und bitter beteiligt. «Bei Verliebten liegt der Serotoninspiegel markant tiefer als bei Nicht-Verliebten», erklärt Lohmann. «Darum ist die Geschmacksempfindung beeinträchtigt.»

Neben frisch verliebten hätte man aber auch psychisch kranke Probanden nehmen können, denn: «Frisch Verliebte weisen ähnliche hormonelle Auffälligkeiten auf wie Menschen mit einer Psychose», so Lohmann. Sind verliebte Menschen also psychisch krank? «Ja, ein wenig», bestätigt Rolf Froböse. Der Chemiker und Wissenschaftsjournalist hat gemeinsam mit seiner Frau im soeben erschienenen Buch «Lust und Liebe – alles nur Chemie?» Ergebnisse aus der Forschung zusammengetragen, um die Liebe aus dem chemischen Blickwinkel zu erklären.

Er bezeichnet die Krankheit der Verliebten als Mikroparanoia. Erfunden hat den Begriff die italienische Psychiaterin Donatella Marazziti. Sie fand heraus, dass frisch Verliebte an einer Zwangsneurose leiden, nur bezieht sich der Zwang nicht aufs Händewaschen oder Kontrollieren, sondern auf den Partner.

Das sind aber längst nicht alle Auswirkungen. Die Krankheit Liebe hat viele Symptome und wird durch einen wahren Hormoncocktail ausgelöst – unter anderem durch Adrenalin. Das Stresshormon wird vor allem in der ersten Phase des Verliebtseins ausgeschüttet. Wenn der oder die Angebetete den Raum betritt, das Herz einen Sprung macht und die Welt für einen Augenblick stillzustehen scheint, mag das romantisch klingen, dahinter steckt jedoch rational erklärbare Biochemie.

«Adrenalin sorgt für das typische Herzklopfen», sagt Froböse.

Für die eigentliche Fahrt in den siebten Himmel und das Kribbeln im Bauch ist aber die Substanz Phenylethylamin (PEA) verantwortlich. «Durch PEA wird unsere Kritikfähigkeit gemindert, der Verstand wird zu gewissen Teilen einfach abgeschaltet», beschreibt Froböse die Wirkung. «Dadurch wird der Partner idealisiert und im Kopf entsteht eine Art heile Welt».

Liebe macht also wirklich blind oder lässt Verliebte die Welt zumindest durch die rosarote Brille betrachten. Wegen seiner berauschenden Wirkung, wird PEA auch als körpereigene Droge bezeichnet und bildet das Grundgerüst für verschiedene halluzinogene Drogen wie Meskalin und Betäubungsmittel wie Morphium.

Menschen, bei denen PEA zu schnell abgebaut wird, bezeichnet man als liebessüchtig. Durch den niedrigen PEA-Wert stürzen sie sich krankhaft von einer Affäre in die nächste um ihren «Liebesrausch» zu bekommen und leiden oft – wie Drogensüchtige – unter Depressionen.

All diese Botenstoffe sorgen für ein wahres Gefühlschaos und versetzen unser Gehirn in einen Ausnahmezustand. Appetitlosigkeit oder Heisshunger, Schlafstörungen, Tagträumerei oder Konzentrationsschwierigkeiten sind mögliche Nebenwirkungen des Hormoncocktails. Gut also, dass sich das Gefühl des Verliebtseins mit der Zeit abschwächt. Während die Wirkung von Adrenalin bereits nach wenigen Sekunden verfliegt, normalisiert sich der Dopaminspiegel innerhalb von Stunden oder Tagen. Die Wirkung von PEA kann hingegen bis zu vier Jahre anhalten, danach hat sich der Körper an die «Droge» gewöhnt.

Damit aus dem Bauchkribbeln dann richtige Liebe entsteht, treten andere Hormone in Aktion: Die Hauptrollen spielen Oxytocin und Vasopressin. «Sie sorgen für Harmonie und sind sozusagen der Langzeit-Kitt einer Beziehung», so Froböse. Oxytocin, auch als Kuschelhormon bekannt, vermittelt bei angenehmen Berührungen oder sexueller Erregung das Gefühl von tiefer Zuneigung. Nach dem Orgasmus wird es in besonders grosser Menge ausgeschüttet. Laut dem belgischen Forscher Thierry Hertoghe führt die Einnahme von Oxytocin in Pillenform zudem zu multiplen Orgasmen und bedingungsloser Treue – bei seiner Frau soll es jedenfalls funktionieren. Der australische Forscher Peter Godfrey vermutet sogar, dass es in Zukunft möglich sein könnte eine Droge herzustellen, die einem das Gefühl des Verliebtseins vorgaukelt.

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Rolf und Gabriele Froböse: Lust und Liebe – alles nur Chemie? Wiley-VCH-Verlag, Weinheim. 231 S., Fr. 41.50.