Die Präsentation war der NZZ-Spitze zugespielt worden. «Zellenkur für die alte Tante», hiess der Titel der Präsentation vom 17. Oktober 2013. Verfasst worden war sie von der Neuen Helvetischen Bank (NHB). Deren Gründer und Hauptaktionär ist SVP-Nationalrat Thomas Matter. Die Präsentation zeigt, wie die NZZ-Aktie zur Goldgrube werden könnte: mit «Quick Wins» für NZZ-«Trophy-Liegenschaften» wie jene an der Falkenstrasse 11 und 12. Allein die seien 150 Millionen Franken wert, heisst es. Der Wert der NZZ-Aktie könne so von 5000 auf 15 000 Franken verdreifacht werden.

Die Analyse der NHB beunruhigt die NZZ-Spitze. Noch stärker allerdings beunruhigt sie, dass zurzeit Personen Aktien erwerben, die SVP-Volkstribun Christoph Blocher nahe stehen. Das bestätigt ein hochrangiger NZZ-Insider. Diese Personen seien vor allem im Herbst 2013 aktiv gewesen. Auch heute gebe es Kauf-Versuche aus diesem Umfeld.

Das überrascht Franz Steinegger nicht. Es habe schon zu seiner Zeit einen Kreis gegeben, «der inhaltlich Einfluss nehmen wollte», sagt der ehemalige NZZ-VR-Präsident (2012/13). Und einen Kreis, der Investitionen habe tätigen wollen. «Deshalb wandten wir in den letzten vier Jahren die Vinkulierung strikter an.»

Sie besagt, dass als Aktionäre nur natürliche Personen eingetragen werden können, die entweder FDP-Mitglied sind oder sich zur freisinnig-demokratischen Grundhaltung bekennen, ohne Mitglied einer anderen Partei zu sein. Genau diese Vorschriften wollen die investitionsnahen «Freunde der NZZ» lockern. Das Festhalten an der FDP-Parteibindung sei der falsche Weg, finden sie. «Viel wichtiger ist es, dass die Aktionäre liberale, unternehmerische Grundwerte leben», schrieb die IG am 8. April, kurz vor der Generalversammlung der NZZ-Aktionäre vom 26. April. Dort liess der Verwaltungsrat in einer Konsultativabstimmung über die Vinkulierung befinden. Präsident Etienne Jornod votierte gemäss Anwesenden eindringlich dafür, sie strikt beizubehalten. Sonst komme man mit 40 bis 50 Millionen an einen Wert von 700 Millionen der NZZ-Gruppe.

Bei der NZZ befürchtete man eine unfreundliche Übernahme. Den Namen Blocher nahm zwar niemand in den Mund. Es war unmöglich, dem SVP-Politiker etwas nachzuweisen. Doch Jornod meinte an der GV sehr wohl Blocher. Die Angst ging laut Insidern so weit, dass sich die NZZ im Mai auch die Minderheitsbeteiligung der PubliGroupe von 25,07 Prozent an der Freien Presse Holding AG für die NZZ-Mediengruppe zurückkaufte. Sie verfügte bereits über 74,93 Prozent, wollte aber keinerlei Risiken eingehen.

Für Blocher wäre es ein grosser Prestigeerfolg, bei der NZZ eine Rolle zu spielen. Damit zöge er direkt ins Establishment ein. Staatspolitisch wäre dies sehr delikat, glaubt man in NZZ-Kreisen.

Investoren- und SVP-nahe politische Kreise vereinigen schon heute einen Drittel der NZZ-Aktien, sagt ein Insider. Einer, der beide Kreise verbindet, ist SVP-Nationalrat und NHB-Unternehmer Thomas Matter. Er besitzt 400 NZZ-Aktien, eine Beteiligung, welche die Vinkulierung erlaubt – gekauft hat er sie zu Beginn der 2000er-Jahre, als er noch nicht SVP-Mitglied war.

Offiziell gibt man sich gelassen. Man habe «keine Kenntnis», dass Blochers Umfeld Aktien kaufe, sagt NZZ-VR-Präsident Jornod. «Wir gehen bei der Zulassung systematisch vor und beurteilen jeden Kandidaten einzeln. Wir haben nichts Spezielles beobachtet.» Für den neuen Verwaltungsrat sei wichtig gewesen zu sehen, dass die Aktionäre der Vinkulierung zu über zwei Dritteln zustimmten, «ein tolles Ergebnis», sagt Jornod. «Nun gehen wir selbstsicher und ohne Sorgen in die Zukunft.» Man wolle «publizistische Akzente» setzen.

Blocher sagt: «Ich bin nicht an NZZ-Aktien interessiert. Ich weiss auch nicht, wer aus meinem sogenannten Umfeld Aktien kauft.» Das sei vielleicht eine «gezielte Desinformation, um die eigenartige Vinkulierung in der NZZ aufrechterhalten» zu können. Er verstehe das nicht von der «führenden Wirtschaftszeitung». Zum Gerücht, die NZZ strebe eine Beteiligung an der «Basler Zeitung» (BaZ) an, um mit dieser künftig einen überregionalen Teil mit den NZZ-Tochterblättern «St. Galler Tagblatt» und «Neue Luzerner Zeitung» zu produzieren, sagt Blocher: Die Medienvielfalt Holding AG als Eigentümerin der BaZ wolle «eine von den grossen Verlagen unabhängige Zeitung».

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