VON FELIX STRAUMANN

Es muss etwas dran sein am Verdacht, dass durch niederfrequente Magnetfelder Krebs entstehen kann. 30 Jahre Forschung konnten ihn nicht widerlegen, bestätigt ein vergangene Woche erschienener Bericht, den das Bundesamt für Umwelt (Bafu) in Auftrag gegeben hatte.

«Verschiedene Studien legen nahe, dass Kinder bei hoher Belastung ein erhöhtes Risiko für Leukämie haben», sagt Kerstin Hug vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut Basel, die den Bafu-Bericht mitverfasst hat. Zwar würden einige Untersuchungen gar keinen Effekt finden, doch andere stiessen auf ein um 20 bis 40 Prozent erhöhtes Risiko, so Hug. Das tönt nach einer hohen Zahl. Nicht für die Wissenschafterin: «Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass nur wenige Personen starken Feldern lange Zeit ausgesetzt sind.»

Es wird geschätzt, dass rund 2 Prozent der Bevölkerung stark exponiert sind (Langzeitdurchschnitt über 0,4 Mikrotesla). Von den 60 Kindern, die in der Schweiz jedes Jahr an Leukämie erkranken, dürften laut dem Bericht nur bei einem Kind niederfrequente Magnetfelder die Ursache sein – falls sich der Krebsverdacht überhaupt bestätigen sollte. Für alle anderen Krebsarten ausser Kinderleukämie fanden Wissenschafter bislang keinen Zusammenhang. Auch nicht für Leukämie bei Erwachsenen.

Niederfrequente Magnetfelder entstehen überall dort, wo elektrischer Strom fliesst. Bei elektrischen Geräten im Haushalt und am Arbeitsplatz, Fussbodenheizungen, Hochspannungsleitungen, Eisenbahn-Fahrleitungen, elektrischen Hausinstallationen und Transformatorenstationen. Sie unterscheiden sich deutlich von den hochfrequenten elektromagnetischen Wellen, die durch Mobilfunk entstehen. Bereits 2007 klassierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Magnetfelder als möglicherweise krebserregend für Menschen. In der Bewertungsstufe der WHO bedeutet dies die schwächste Verdachtsstufe. Die Schweizer Untersuchung ist eine Aufdatierung des WHO-Berichts. «Seither ist viel gegangen in der Forschung», sagt Professor Primo Schär von der Uni Basel, der ebenfalls am Bafu-Bericht mitgearbeitet hat.

Insbesondere Studien mit Zellkulturen haben vor wenigen Jahren nahegelegt, dass durch niederfrequente Magnetfelder Erbgutstränge auseinander- brechen können, was unter Umständen zu Krebs führen kann. Wie sich nun zeigt, konnten diese Befunde nur beschränkt bestätigt werden. Zudem schränkt Schär ein: «Solche Strangbrüche werden normalerweise wieder repariert. Erbgutschäden entstehen nur, wenn dies nicht richtig funktioniert.» Und dies konnte noch in keinem Experiment gezeigt werden.

Auch bei den epidemiologischen Studien, die auf einen Zusammenhang zwischen Leukämie und Magnetfeldern gestossen sind, könnten andere Faktoren die Resultate verfälscht haben. So wohnen in der Nähe von Hochspannungsleitungen eher sozial Unterprivilegierte, deren Krebsrisiko aufgrund der Lebensumstände bereits höher ist. Zudem haben Kinder, die wegen einer Krankheit häufig geröntgt wurden, ein höheres Risiko für Leukämie. «Wegen der geringen Fallzahlen können ein, zwei solcher Fälle eine Studie völlig durcheinanderbringen», so Kerstin Hug.

Die Bilanz der letzten Jahre Forschung ist offensichtlich unbefriedigend: «Man ist nicht weitergekommen», sagt Primo Schär. Für das Bafu drängt sich deshalb keine Änderung bestehender Vorschriften auf. Fraglich ist, ob sich ein Zusammenhang zwischen Magnetfeldern und Krebs überhaupt abschliessend klären lässt. Was die Forscher misstrauisch macht, ist die Tatsache, dass nie ein Wirkmechanismus gefunden wurde, mit dem Magnetfelder Zellen dazu bringen könnten, zum Krebs zu entarten. «Es hat sich nichts herauskristallisiert», sagt Primo Schär. Für ihn ist klar: «Wenn ein starker Zusammenhang zwischen Krebs und niederfrequenten Magnetfeldern bestünde, dann hätte man dies schon lange eindeutig festgestellt.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!