Der grosse Befreiungsschlag ist dem Präsidenten der Nationalbank bisher nicht gelungen. Im Gegenteil: Die erschütterte Glaubwürdigkeit von Philipp Hildebrand erträgt nicht mehr die geringste Ungereimtheit.

Sagen wir es einmal so: Philipp Hildebrands Glaubwürdigkeit ist heute volatiler denn je. Auf den ersten Blick hinterliess der Präsident der Schweizerischen Nationalbank beim unvermeidlich gewordenen Auftritt am Donnerstag einen soliden Eindruck. Doch der ultimative Befreiungsschlag wars nicht.

Hildebrand stellte sich zwar allen Medien. Er war offen für Fragen. Er beteuerte Transparenz. Er räumte einen Fehler ein. Und mit dem wohlplatzierten Verweis auf die «starke Persönlichkeit» seiner Ehefrau landete er gar einen vermeintlichen Sympathie-Coup. Philipp Hildebrand schien minutiös vorbereitet, setzte rhetorisch geschickt auf einzelne Elemente der Krisenkommunikation.

Doch sowohl strategisch als auch inhaltlich war der Auftritt nur oberflächlich durchdacht, wie das Medienecho rasch zeigte: Weder in den Augen der internationalen Finanzpresse noch in der Wahrnehmung der Bevölkerung vermochte der SNB-Präsident die vorhandenen Zweifel nachhaltig auszuräumen. Es droht die Fortsetzung des kommunikativen Crash-Kurses, dem die Nationalbank seit Beginn der Dollar-Affäre verfallen ist.

Inhaltlich blieb Philipp Hildebrand den Beweis schuldig, dass nicht er, sondern seine Ehefrau Kashya die umstrittenste Dollar-Transaktion ohne sein Wissen getätigt hat. Und die minimale Selbstkritik reichte nicht aus, um seine Person gänzlich vom gewaltigen Druck zu befreien. Stattdessen bleibt ein widersprüchlicher Eindruck des ehelichen Meinungsaustauschs zurück: Gattin Kashya soll finanzpolitisch bestens bewandert sein und gleichzeitig so fahrlässig, ja geradezu naiv hinter seinem Rücken einen sechsstelligen Dollarkauf getätigt haben. Das ist schwer zu verstehen und passt nicht zur Sensibilität, die in der Familie Hildebrand mit Blick auf mögliche Insider-Verdächtigungen vorhanden sein musste.

Ein weiterer Schwachpunkt: Philipp Hildebrand schien die sichtlich angespannten «Weltwoche»-Journalisten elegant zu übergehen. Stattdessen hätte es sich gelohnt, die Gegenspieler aktiv anzusprechen. Die «Weltwoche» als provokativste Kritikerin öffentlich zu Fragen aufzufordern – das hätte einen mutigen Eindruck erweckt.

Es ist ein verbreiteter menschlicher Reflex, kritische Stimmen zu ignorieren oder gar mit Gegenangriffen zu kontern. Die Folge: Man wirkt nicht kritikfähig. Doch Vorwürfe und Kritik – ob berechtigt oder nicht, polemisch oder sachlich – lassen sich nur durch Offenheit wirksam abfedern. Alles andere wirkt rasch als Rechtfertigungsversuch oder als Ablenkungsmanöver.

Die Kommunikationsstrategie der Nationalbank bleibt somit ein Risiko für die Reputation weit über die Institution hinaus. Wirksame Krisenkommunikation berücksichtigt von Beginn an mögliche Gegenspieler, nimmt offene Fragen vorweg, nimmt Kritik ernst und liefert rasch Fakten. Diesbezüglich agierte Philipp Hildebrand bisher wenig überzeugend. Die Angriffsfläche hat sich deshalb nicht wirklich verkleinert. Es bleibt reichlich Nährboden für Spekulationen und Enthüllungen.

Wohlverstanden, diese instabile Situation verdankt die Nationalbank ihrem riskantesten Eigentor überhaupt: Zwischen der unvollständigen Bekanntmachung am 23. Dezember und dem Auftritt von Philipp Hildebrand liess die Nationalbank fast zwei Wochen verstreichen. Sie versteckte sich hinter krampfhaft verteidigter Intransparenz. Weder eine juristisch weisse Weste noch die Widerrechtlichkeit des Datendiebstahls noch die Verwerflichkeit eines Komplotts vermögen den Vertrauensverlust aufzuwiegen, der aus diesem langen Schweigen resultierte.

Die Glaubwürdigkeit der Hauptakteure steht auf einem sehr wackligen Fundament. Philipp Hildebrand und der Bankrat müssen nun alle offenen Fragen unverzüglich klären, alle Zweifel beseitigen und volle Transparenz mit Taten beweisen. Denn jetzt liegt erst recht jedes Wort auf der Goldwaage, die keine Ungereimtheit mehr erträgt.

* Roland Binz ist unabhängiger Unternehmensberater und Dozent für Krisenkommunikation am Schweizerischen Public Relations Institut (SPRI).

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