Der Protest war gross, als die Tamedia im März ankündigte, trotz eines Gewinns von 152 Millionen Franken rund 34 Millionen einsparen zu wollen. Laut war der Widerstand jedoch allein in der Romandie, wo der Zürcher Konzern 18 Millionen Franken aus den Budgets von «Le Matin» oder «Le Temps» streichen will. Doch auch die übrigen 16 Millionen Franken wollen eingespart sein: 4,5 Millionen Franken innerhalb der nächsten drei Jahre alleine bei der «SonntagsZeitung», wie Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer nun auf Anfrage offiziell bestätigt, was zuvor redaktionsintern für Unruhe sorgte.

Die Ungewissheit der Redaktoren ist seit dieser Woche noch ein Stück grösser geworden: Am Freitag erklärte Chefredaktor Martin Spieler seinen Rücktritt auf Ende Jahr. Dass dieser trotz anderslautender Beteuerungen nicht ganz freiwillig erfolgt, ist den Mitarbeitenden ebenso klar wie die Tatsache, dass sie in Spieler nicht den grossen Fürsprecher für ihre redaktionellen Anliegen gehabt hätten. Dennoch: Nun sind die Türen für den Verlag weit offen, eine «SonntagsZeitung» light zu konzipieren.

Der «Schweizer Journalist» hat in seiner jüngsten Ausgabe nachgerechnet, dass die Sparvorgabe ein Drittel des Redaktionsbudgets ausmacht. Dies sei nur mit radikalen Strukturanpassungen zu realisieren. Dem Vernehmen nach zielen diese in der Tendenz darauf, die «SonntagsZeitung» zu einer siebten Ausgabe des «Tages-Anzeigers» zu degradieren. Dies würde nicht nur bedeuten, dass einzelne Ressorts ihren eigenständigen Bundauftritt verlieren, sondern auch, dass Ressorts wie Trend, Reisen oder Kultur mit den entsprechenden Ressorts des «Tages-Anzeigers» fusionieren würden. Die Sportredaktion arbeitet schon heute wie bei allen Sonntagszeitungen für die Tages- und die Sonntagsausgabe. Zimmer sagt: «Entschieden ist noch nichts.»

Die maximale Zusammenlegung praktiziert Ringier, dessen «Blick»-Produkte in einem gemeinsamen Newsroom entstehen. Unterschiedlich sind die Köpfe an der Front: Andrea Bleicher steht für den «Blick», Christine Maier künftig für den «SonntagsBlick». Zumindest offiziell lehnt die Tamedia dieses Modell ab. «Die SonntagsZeitung wird weiterhin eine eigenständige und starke Redaktion haben», sagt Zimmer.

Die kostensparende Zusammenlegung von Redaktionen steht bei der Tamedia jedoch hoch im Kurs. Strukturell abgeschlossen, aber kulturell noch nicht bewältigt ist die Fusion der Redaktion des «Tages-Anzeigers» mit der Online-Redaktion von «Newsnet», das alle Tamedia-Titel (plus «Basler Zeitung») mit einem Online-Portal versorgt. Als Zusatzdienst gepriesen, aber faktisch eine Synergiemassnahme ist auch das gemeinsame Recherche-Desk der «SonntagsZeitung» mit dem Westschweizer Schwesterblatt «Le Matin Dimanche».
Eine Zusammenführung von «Tages-Anzeiger» und «SonntagsZeitung» wäre allerdings pikant angesichts der Gründungsidee der 1987 lancierten Wochenzeitung. Denn diese war vom damaligen Konzernchef Heinrich Hächler als expliziter Gegenentwurf zum «Tages-Anzeiger» gegründet worden. Mit einer agilen Sonntagsschwester wollte Hächler die trägen, aber beherrschenden Strukturen des «Tages-Anzeiger» im damals bescheidenen Medienkonzern aufbrechen. In der Kantine sassen die Redaktionen streng getrennt und interne Wechsel waren praktisch ausgeschlossen.

Das gepflegte, interne Konkurrenzverhältnis bot einen weiteren Vorteil: Es galt in der politischen Debatte als Beweis dafür, dass die zunehmende Medienkonzentration auf Unternehmensebene durch den Wettbewerb der Redaktionen kompensiert werde. Wenn als Gegenbeispiel Ringier die Redaktionen zur Zusammenarbeit anwies, so galt dies als verwerflicher «Konzernjournalismus».

Binnenpluralismus ist allerdings seit der «Konvergenz»-Euphorie ausser Mode geraten. Meinte Konvergenz anfänglich die Verschmelzung der verschiedenen Medienformen durch das Internet, ist sie mittlerweile Rechtfertigung für die Schaffung von Grossredaktionen, aus denen verschiedenste Medien des gleichen Konzerns mit gleichen Inhalten versorgt werden.

Martin Spieler, seit 2010 Chefredaktor der «SonntagsZeitung», war die persönliche Wahl des Verlegers Pietro Supino. Spieler, zuvor Chefredaktor der «Handelszeitung», sollte die Zeitung wirtschaftsfreundlich positionieren, was ihm durchaus glückte. Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse beispielsweise erhielt zahlreiche Auftritte – und rutsche dennoch gerade in dieser Zeit in die schwerste seiner Krisen. Der Wirtschaftskurs wurde jedoch von den Lesern nicht gleichermassen anerkannt, die Auflage ist tendenziell rückläufig.

Den Beleg, dass die Zeitung publizistisch eigenständig besser gedeiht, hat Spieler damit nicht erbringen können. Umso einfacher werden sich nun die 4,5 Millionen Franken sparen lassen.

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