VON FELIX STRAUMANN

Am kommenden Freitag, 28. Mai, soll es endlich vollbracht sein. Dann werden nach jahrelangem Gezerre um die Spitzenmedizin voraussichtlich die ersten Entscheide der Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) fallen. Kurz vor dieser möglichen Einigung fordern nun überraschend die privaten Initianten des am weitesten gediehenen Projekts für ein Protonenzentrum am Zürichsee (in Galgenen SZ): Die Protonentherapie solle von diesen Entscheiden ausgenommen werden, da sie gar nicht die notwendigen Kriterien erfülle, um durch die GDK geregelt zu werden.

Die Protonentherapie ist zusammen mit der Herztransplantation die am meisten umkämpfte Methode der Spitzenmedizin. Sie gehört seit einigen Jahren zu den vielversprechenden neuen Krebstherapien, da sie Krebsgeschwüre schonender zerstören kann als die herkömmliche Strahlentherapie. Allerdings wurde bei den meisten Krebsarten noch nicht einwandfrei gezeigt, dass die neue Therapie der konventionellen Bestrahlung überlegen ist.

Mit ihrem Vorstoss wollen die Schwyzer Initianten verhindern, dass die GDK einem Mitbewerber den Vorzug gibt. Neben Galgenen bewirbt sich das Inselspital in Bern ebenfalls für ein nationales Protonenzentrum. Dieses Projekt ist weniger fortgeschritten, dafür wäre es direkt an das Spital angebunden. Der Gegenspieler von Bern ist das Unispital Zürich, das heute eine gemeinsame Professur mit dem Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen AG hat. Dort ist der einzige Ort in der Schweiz, an dem heute die Protonentherapie zum Einsatz kommt. Der Kanton Zürich hat dem PSI 20 Millionen Franken aus dem Lotteriefonds für einen moderaten Ausbau der Kapazitäten versprochen. Allerdings muss der Kantonsrat dies noch absegnen.

«Die Protonentherapie gehört nicht in den Bereich der hochspezialisierten Medizin», sagt Volker Schirrmeister, Co-Initiant des privaten Proton Therapy Center Switzerland (PTCS) in Galgenen. Natürlich handle es sich um Spitzenmedizin, so Schirrmeister weiter, doch sei die Krebstherapie nicht selten genug, um von den Kantonen als hochspezialisierte Medizin (HSM) geregelt zu werden. Schirrmeister rechnet vor: In der Schweiz werden laut aktuellen Zahlen jedes Jahr 20000 Krebspatienten mit einer konventionellen Strahlungstherapie behandelt. Laut Schätzungen vieler Experten würden davon rund 10 bis 15 Prozent, also 2000 bis 3000 Patienten, von den Vorzügen einer Bestrahlung mit Protonen profitieren.

Das Kriterium «Seltenheit» ist bei solchen Werten nicht gegeben. Doch dieses ist laut der Interkantonalen Vereinbarung über die hochspezialisierte Medizin (IVHSM) das einzige Kriterium, das immer vorliegen muss, damit eine Methode von den Kantonen koordiniert werden darf. Bei der GDK hat man allerdings kaum Musikgehör für das Anliegen der Schwyzer. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Protonentherapie wieder ausgeschieden wird», sagt Heidi Hanselmann, St. Galler Regierungsrätin und Präsidentin des Beschlussorgans der GDK, das am Freitag über den Antrag befinden wird. Man habe erst letztes Jahr entschieden, dass die Protonentherapie zur hochspezialisierten Medizin gehöre. «Seither liegen keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse oder Daten vor», so Hanselmann. Allerdings könnte es den möglichen Standortkantonen entgegenkommen, wenn sie um einen heiklen Entscheid herumkämen.

Peter Suter, Präsident des Gremiums, das das Beschlussorgan berät, geht denn von viel tieferen Fallzahlen als die Schwyzer aus. «Bei den Krebsarten, deren Behandlung mit Protonen zurzeit von der Krankenkasse übernommen wird, handelt es sich nur um ein paar 100 Patienten pro Jahr», so Suter. Dafür reiche auch die heutige Kapazität am PSI aus. Solange diese Zahl unter 1000 bleibe, könne man von «selten» sprechen.

Tatsächlich ist die Studienlage schlecht bei der Protonentherapie. Verschiedene Übersichtsarbeiten beklagen einen Mangel an Daten, die eine Überlegenheit zur konventionellen Bestrahlung zeigen könnten. Trotzdem erwarten viele Experten, dass die Zahlen schon bald steigen, etwa wenn Studien zu häufigen Krebsarten einen Vorteil bei der Protonentherapie zeigen sollten. Dann wäre das weit fortgeschrittene Projekt in Galgenen in der Poleposition. Schirrmeister glaubt fest daran. Er sagt, dass so oder so gebaut wird. Gut möglich, dass spätestens 2014, wenn der Betrieb aufgenommen werden soll, die Protonentherapie nicht mehr zur hochspezialisierten Medizin gehört.

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