Herr Mikkelsen, Ihr Auftritt am Swiss Media Forum in Luzern musste diese Woche aus Sicherheitsgründen kurzfristig vom KKL auf ein Schiff verlegt werden. Wie geht es Ihnen damit?
Jørn Mikkelsen: Das ist doch schön.

Schön?
Die Fahrt über den See, das tolle Wetter und die schöne Aussicht auf die Berge kann sicher jeder geniessen. Allerdings ist der Hintergrund der Fahrt natürlich unerfreulich.

Sie sagten nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo», dass die Debatte um die Mohammed-Karikaturen nun seit zehn Jahren geführt wird und wir endlich weiterkommen müssen. Sind wir weitergekommen?
Im Kern geht es noch immer um dieselbe Frage: Trauen wir uns, die Mohammed-Karikaturen zu drucken, oder nicht. Aber das müssen wir überwinden. Zuerst hatte ich eine Trotzreaktion: «Jetzt zeigen wir sie erst recht», war mein erster Gedanke. Aber wir müssen aus dem Schützengraben kommen und den Fokus auf die Meinungsfreiheit legen, nicht auf die Karikaturen. Deshalb haben wir uns auf der Redaktion entschlossen, die Karikaturen nicht mehr zu zeigen – wie lange der Bann gilt, kann ich nicht sagen.

Also zensieren Sie sich selbst.
Die «Jyllands-Posten» ist in einer speziellen Situation. Die Karikaturen haben uns weltberühmt gemacht. Und das nicht im positiven Sinn. Unsere Zeitung ist zum Hasssymbol für viele extremistische Kräfte geworden. Dem müssen wir Rechnung tragen.

Man kann die Zensur auch als Schwäche auslegen.
Das akzeptiere ich. Wir sehen es allerdings anders. Man kann die Debatte auch weiterführen, ohne ständig dieselben alten Bilder zu zeigen. Wir führen in unserer Zeitung Interviews zu dem Thema oder drucken Gastbeiträge aus aller Welt.

Waren Sie vom grossen Aufschrei nach dem ersten Druck 2005 überrascht?
Komplett. Wir haben damals zu provinziell gedacht, das muss ich ehrlich zugeben. Uns war nicht klar, wie globalisiert die Welt schon damals war. Stellen Sie sich vor, wir drucken in Dänemark eine Zeichnung und ein paar Tage später kommt es in einer Provinz in Kaschmir zu einem Massenprotest. Damit haben wir nicht gerechnet. Da waren wir zu naiv.

Wie haben Sie auf die Anschläge in Kopenhagen diesen Februar reagiert? Gingen Ihnen sofort die Mohammed-Karikaturen durch den Kopf?
Natürlich. Ich möchte mich nicht reinwaschen, denn wir tragen eine Mitverantwortung für das, was passiert ist. Aber zu Anschlägen gegen die Meinungsfreiheit wäre es auch ohne die Karikaturen 2005 gekommen. Der Drang der Islamisten, scharfe Grenzen zu ziehen, ist stärker geworden. Wären es nicht unsere Karikaturen gewesen, hätte ein Theaterstück oder eine Kunstmalerei die Proteste und die Anschläge ausgelöst. Unsere Publikation war damals bloss der Auslöser für eine Stimmung, die sich schon lange aufgebaut hatte.

War es das wert?
Ein Cartoon ist nie ein Menschenleben wert. Schon gar keine 300 Menschen, die im Zuge der Karikaturen mittlerweile ihr Leben verloren haben. Es geht um ein Prinzip, aber auch ein Prinzip kann nie ein Leben Wert sein. Trotzdem sollten wir nicht vergessen, dass Prinzipien wichtig sind für unsere Demokratie. Wir dürfen nicht über die schleichende Zensierung, die momentan leider im Gange ist, hinwegsehen. Wir müssen darüber diskutieren.

Dann sehen Sie die Meinungsfreiheit heute stärker gefährdet als vor zehn Jahren?
Ja, das ist sie. Die Gefahren, die mit der Meinungsfreiheit einhergehen, sind grösser geworden. Das zeigt sich allein an der Häufigkeit der Anschläge. Das heisst aber noch lange nicht, dass wir verloren oder aufgegeben haben. Wir stehen unter grossem Druck, wenn wir uns für die Meinungsfreiheit einsetzen, unter grösserem als je zu vor. Sie sollten sich unsere Redaktion ansehen . . .

. . . die einem Hochsicherheitstrakt gleicht.
Richtig. Das ist quasi die physische Manifestation, wie es um unsere Meinungsfreiheit steht. Das wirkt sich auch auf unsere Köpfe aus. Es wäre einfacher aufzugeben, aber wir müssen uns der Verantwortung bewusst sein. Es gibt in einem freien Land nicht das Recht darauf, sich nie beleidigt zu fühlen. Ein solches Recht können und dürfen wir nicht geben. Je multikultureller wir werden, desto mehr müssten wir auf alle Tabus Rücksicht nehmen. Das wäre gefährlich. So etwas gibt es nur in einem totalitären System, das darf es in einer offenen Gesellschaft wie in Dänemark oder in der Schweiz nicht geben.

Im Kern geht es auch um die Frage der Migration und Integration. Da hat Ihre Zeitung das Klima mitbestimmt. «Jyllands-Posten» hat seit den 1990er-Jahren der dänischen Politik publizistischen Begleitschutz auf dem Weg in eine rechtskonservative Gesellschaft gegeben. Oder sehen Sie das anders?
Das höre ich nicht zum ersten Mal. Wir waren die erste grosse Zeitung, die das Thema Einwanderung nach journalistischen Kriterien abgedeckt hat: nämlich kritisch. Heute machen das viele Medien. Wir dürfen die Probleme der Immigration doch nicht bewusst aus den Medien halten.

Dann dürfte Sie gefreut haben, wie oft Schweizer Medien seit der Zuwanderungsinitiative über das Thema berichten. Hätten Sie für Dänemark gerne eine solche Beschränkung?
Ich bin Journalist, kein Politiker. Was ich feststelle, ist, dass es in ganz Europa ein heisses Thema ist. Wir müssen alle darüber berichten.

Sie waren früher als Bonn-Korrespondent der «Jyllands-Posten» auch für die Schweiz zuständig …
. . . oh, ja, einmal im Jahr durfte ich ran.

Worüber haben Sie berichtet?
Ich kann mich an einen sehr schönen Titel erinnern: «Die Schweiz ist zu gut, um wahr zu sein».

Und? Um welches Thema ging es?
Das weiss ich leider nicht mehr. (lacht)

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