Die Botschaft war gut versteckt – in Pietro Supinos Editorial des Tamedia-Geschäftsberichts 2012. «Martin Bachem scheidet nach Ablauf seiner Amtszeit aus unserem Verwaltungsrat aus», schrieb der Tamedia-Verleger. Der 55-jährige Ökonom sei seit 1996 Präsident des Verwaltungsrats der Ziegler Druck- und Verlags-AG («Landbote»-Herausgeberin) und gehöre deren Gründerfamilie an. «Er scheidet aus, um bei der zukünftigen Ausrichtung der Ziegler Druck- und Verlags-AG, an der Tamedia mit 20 Prozent beteiligt ist, Interessenkonflikte zu vermeiden.»

Im Klartext bedeutet dies: Bachem scheidet aus dem Tamedia-Verwaltungsrat aus, weil die Gründerfamilie die Ziegler Druck- und Verlags-AG und damit den Winterthurer «Landboten» verkaufen will. Tamedia könnte einer der Kaufinteressenten sein. Deshalb sah Bachem einen Interessenkonflikt voraus.

Drei voneinander unabhängige Quellen bestätigen die Verkaufsabsicht der Besitzerfamilie. Die Ziegler Druck- und Verlags-AG und deren Zeitung wurden schon mehreren Verlagen angeboten. Die Ziegler Druck ist ein sehr traditionsreicher Mediendienstleister. 1836 wurde sie als Druckerei und Verlag gegründet. 1886 übernahm sie Gottlieb Ziegler, der sie seinen drei Töchtern weitervererbte. Sie begründen die drei Stämme der Firma «Druck und Verlag von Geschwister Ziegler»: Bryois-Ziegler, Huber-Ziegler, Schurter-Ziegler. Durch weitere Vererbungen wurde die Teilhaberschaft immer grösser. Zum Verlag gehören heute die Zeitungen «Der Landbote» und der «Winterthurer Stadtanzeiger». Das Unternehmen umfasst auch einen Zeitschriften-Druckbereich und beschäftigt rund 300 Mitarbeitende.

Beim «Landboten» reagiert man bestürzt auf die Recherchen. Auf unterer Ebene weiss niemand etwas von den Verkaufsabsichten. Und auf oberster Ebene will niemand etwas sagen. Martin Bachem nicht, Tamedia nicht. Und auch Colette Gradwohl nicht, die Verlagschefin und Chefredaktorin des «Landboten». Sie könne nichts sagen, weil es nichts zu sagen gebe, lässt sie ausrichten.

Recherchen zeigen, dass zwei Käufer für den «Landboten» im Vordergrund stehen: die Tamedia und die Medienvielfalt Holding AG von Tito Tettamanti, die eng vernetzt ist mit SVP-Nationalrat Christoph Blocher und die «Basler Zeitung» herausgibt. Blocher selbst will dazu nichts sagen. Aus seinem Umfeld verlautet aber, zuerst müsste abgeklärt werden, ob die Tamedia, die 20 Prozent Aktien an der Ziegler Druck besitzt, ein vertraglich zugesichertes Vorkaufsrecht habe. Und ob sie dieses wahrzunehmen gedenke. Tito Tettamanti selbst äussert sich sehr sibyllinisch: «Wenn Ihre Quellen korrekt wären, wäre es meinerseits unseriös und unprofessionell, eine Antwort zu geben, die – gleich wie sie tönte – mögliche Interessenten, falls es Interessenten gäbe, in ihrem Entschluss beeinflussen könnte.»

Klar ist: Die Tamedia hat mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Tat ein Vorkaufsrecht. Es sei praktisch undenkbar, dass der damalige CEO Martin Kall vertraglich kein solches verankert habe, sagt ein Insider. Gleichzeitig ist aber auch klar: Die Tamedia ist nicht interessiert am Kauf der Ziegler Druck. Das zeigen die Recherchen. Die Tamedia setze im Zeitungsbereich künftig nicht mehr auf Übernahmen, sondern auf Kooperationen, sagen Insider.

Das überrascht. Über Jahre hinweg war es der erklärte Wunsch der «Tages-Anzeiger»-Chefetage, sich den «Landboten» einzuverleiben und damit in Winterthur, der zweitgrössten Stadt im Kanton, eine dominante Rolle zu spielen. Mit dem Desinteresse, heisst es nun, werde auch klar, dass der «Tages-Anzeiger» nicht mehr im Zentrum der Tamedia-Strategie stehe. Sondern die Gratiszeitung «20Minuten» und Online.

Blocher und Tettamanti ihrerseits könnten mit dem Kauf des «Landboten» eine Art konservative «Nord-Zeitung» schaffen: mit dem «Landboten» (Wemf-Auflage 2012: 31 854), den «Schaffhauser Nachrichten» (21 459) und der «Basler Zeitung» BaZ (68 279). Die BaZ wäre hier federführend und produzierte den Mantelteil für alle drei Tageszeitungen.

Schon vor fünf Jahren stand ein ähnliches Konstrukt zur Diskussion, zwischen «Landboten», «Schaffhauser Nachrichten» und «Thurgauer Zeitung». Aus wirtschaftlichen Gründen. «Tageszeitungen mit 20 000 bis 40 000 Auflage sind heute fast nicht mehr überlebensfähig», sagt ein Kenner. Ein Zusammenschluss hätte zudem eine schlagkräftige Redaktion ermöglicht. Das Kooperationsmodell scheiterte aber 2011, als die NZZ-Gruppe die Huber & Co. AG übernahm und die «Thurgauer Zeitung» ins «St. Galler Tagblatt» integrierte.

Ein enger Vertrauter Christoph Blochers sitzt bereits im Verwaltungsrat der Ziegler Druck- und Verlags-AG – für die Tamedia allerdings: Rolf Bollmann, Chef der BaZ-Gruppe. Die Tamedia insistierte beim Abgang des damaligen Geschäftsleitungsmitgliedes Bollmann, dass dieser Verwaltungsrat der Ziegler Druck bleibt. Er sollte nicht plötzlich zum «Unterseeboot Blochers» in die Tamedia werden, sagen Kenner. Freunden gegenüber soll Bollmann gesagt haben, er wollte in Basel kürzertreten. Es stehe ein spannendes neues Projekt an.

Eine konservative Nord-Zeitung? «Sie haben eine blühende Fantasie», erwidert Bollmann schriftlich. «Wie auch immer. Was stimmt: Ich bin im Verwaltungsrat von Ziegler Druck und vertrete dort den 20-Prozent-Anteil von Tamedia. Und als ‹alter Winterthurer› bin ich stolz auf diese Aufgabe!»

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