So etwas hat es in der elfjährigen Geschichte der Auszeichnung zum «Schweizer Journalisten des Jahres» noch nie gegeben: Die Nominierten waren gerade publik geworden und die Publikumswahl eröffnet, da meldete sich via Online-Formular die designierte Nationalratspräsidentin Christa Markwalder (FDP) beim Magazin «Schweizer Journalist», das die Kür alljährlich durchführt – und machte ihrem Ärger über den Journalismus Luft.

Der Grund: Zu den Nominierten gehörte «NZZ»-Bundeshaus-Chef Markus Häfliger, der im Mai die sogenannte «Kasachstan-Affäre» ins Rollen gebracht und aufgedeckt hatte, dass sich das autoritäre Regime in Kasachstan via Lobbying-Firma Burson-Marsteller für 7188 Franken 48 Rappen einen Vorstoss im Schweizer Parlament kaufte. Nie zuvor konnte – dank gehackter E-Mails, die ins Internet gelangt waren – derart detailliert dokumentiert die Käuflichkeit der helvetischen Vorzeigedemokratie aufgezeigt werden. Mittendrin: Christa Markwalder, seit 2003 Berner Nationalrätin, die den gekauften Vorstoss einreichte.

Die brisante Recherche, erschienen unter dem Titel «Der lange Arm der Lobbyisten ins Bundeshaus», hat Autor Markus Häfliger inzwischen die Auszeichnung zum besten Journalisten des Jahres 2015 eingebracht, obwohl Markwalder dies zu verhindern suchte. «Was Häfliger, sein Inlandchef René Zeller und die NZZ geboten haben, ist blanker Hohn, Kampagnenjournalismus erster Güte und hat mit Recherchen so gut wie gar nichts zu tun», schrieb sie dem «Schweizer Journalisten». Die «NZZ»-Artikel zum Fall taxiert sie als «personalisierte Kampagne mit dem Ziel, mich aus dem Amt zu schreiben».

Daran irritiert, dass sich die inzwischen zur höchsten Schweizerin gewählte Markwalder vordergründig dafür entschuldigte, unbeabsichtigt zur Handlangerin einer ausländischen Diktatur geworden zu sein, tatsächlich aber bis heute dezidiert der Meinung ist, ein Medienopfer zu sein, das völlig ungerechtfertigt in die Kritik geraten ist.

Dementsprechend zeigt die FDP-Politikerin in diesen Tagen zwei Gesichter. Das eine ist das öffentliche: An der Nationalratspräsidiumsfeier vorletzte Woche hob sie am Geburtsort von Jeremias Gotthelf in Lützelflüh zum Lob darauf an, dass der Pfarrer, Schriftsteller und Journalist Albert Bitzius den Mächtigen in der Politik auf die Finger schaute und Fehlentwicklungen anprangerte. Hinter den Kulissen zeigt sie ihr anderes Gesicht: Wo immer im Vorfeld der Wahl zur Nationalratspräsidentin Journalisten die «Kasachstan-Affäre» erwähnen wollten, intervenierte Markwalder. Bestätigt sind ihre Interventionen mit der Aufforderung, die Affäre unerwähnt zu lassen, bei der Schweizerischen Depeschenagentur SDA, beim «Tages-Anzeiger» (dort bis hinauf zu Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Supino) sowie bei der «NZZ» und deren Chefredaktor Eric Gujer. Erfolgreich war Christa Markwalder damit nirgends, bis auf eine kleine Ausnahme: Die «NZZ» verzichtete diese Woche in der Würdigung ihres ausgezeichneten Journalisten auf die Erwähnung der Affäre.

Auch in einem längeren Gespräch ist es – selbst mit gutem Willen – unmöglich, Markwalders Sicht auf ihre Rolle in diesem Fall nachvollziehen zu können. Dass sie mit dem Pech hadert, weil ihr Fehlverhalten wegen der geleakten Mails bis ins letzte Detail nachgezeichnet werden konnte und sie damit unfreiwillig zum Vorzeigebeispiel für die Käuflichkeit des Schweizer Parlaments wurde, mag einen Teil ihres bitteren Zorns erklären. Ihr Empfinden, als aufstrebende Politikerin im Vergleich zu Ex-Botschafter Thomas Borer, SVP-Nationalrat Christian Miesch und FDP-Nationalratskollege Walter Müller, die ebenfalls in die Affäre verwickelt waren, unverhältnismässig heftig kritisiert worden zu sein, trägt – vielleicht sogar zu Recht – dazu bei. Selbst ihrer Kritik am Rudeljournalismus, der wochenlang und auf Online-Portalen fast im Minutentakt die Affäre mit neuen, süffigen Details ohne neuen Erkenntniswert am Kochen hielt, könnten auch Journalisten zustimmen, würde Markwalders Sicht der Dinge nach vielen wortreichen Drehungen und Wendungen – inklusive unbelegter Verschwörungstheorien – nicht darauf hinauslaufen, dass über ihr Fehlverhalten in der Affäre nicht hätte berichtet werden dürfen. Es ist die Opfersicht einer Täterin.

Damit kommt das Medienverständnis der amtierenden höchsten Schweizerin irgendwo zwischen dem Obrigkeits-Gebaren der Berner Patrizier im Ancien Régime und der Zensurbehörde des kasachischen Regimes zu liegen.

Dass sich dahinter nicht nur persönliche Betroffenheit verbirgt, sondern ein alarmierender Politikzerfall, macht das Gespräch mit Markwalders bester Freundin deutlich. Claudine Esseiva, Generalsekretärin der FDP-Frauen, Lobbyistin bei «furrerhugi» und erfolglose Berner Ständeratskandidatin, vermag kein Fehlverhalten zu erkennen bei Markwalder, mit der moralischen Kategorie der Käuflichkeit muss man ihr gar nicht kommen, und genehm sind ihr Journalisten, die einsehen, dass nun mal wirtschaftliche Interessen die Politik durchdringen. Es ist die Lobbyistensicht einer Politikerin oder die Politiksicht einer Lobbyistin – so genau lässt sich das nicht mehr unterscheiden. Es ist genau das, was Christa Markwalder zum Verhängnis wurde.

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