Von Kai Diekmann*

In dieser Woche fragte ich in kleinerer Runde, was die grössere Gefahr für eine Gesellschaft sei: Populismus? Oder Political Correctness? Wenn Sie mich fragen, ist es kein Entweder-oder. Vielmehr bin ich überzeugt, dass übertriebene Political Correctness erst den Nährboden für Populismus bildet. Und im zweiten Schritt zum Verlust der Glaubwürdigkeit der Medien führt. Jeder gute Psychiater wird Ihnen bestätigen: Dauerhafte Denk- oder Sprechverbote führen direkt in die Neurose.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Es ist fast ein Jahr her, dass in der Silvesternacht am Kölner Dom 650 Frauen Opfer sexueller Übergriffe wurden. Eine Nacht, die Deutschland nachhaltig verändert hat. Man könnte auch sagen: traumatisiert hat.

Doch nicht nur, dass die Polizei noch am Morgen des 1. Januar in einer Pressemitteilung vermeldete: «Ausgelassene Stimmung – Feiern weitgehend friedlich». Mehr noch, bis zum 4. Januar wurde gegenüber der Öffentlichkeit kein Wort darüber verloren, dass ein Grossteil der Tatverdächtigen aus dem nordafrikanischen Raum stammt. Wie sich später in einem Untersuchungsausschuss herausgestellt hat, wollte ein Beamter nicht einmal im internen Einsatzbericht vermerken, dass vor allem Flüchtlinge und Migranten tatverdächtig waren. Seine Begründung: Es könne politisch nicht gewollt sein.

Elfmeter ohne Torwart
Diese Nacht und vor allem der staatliche Umgang mit ihr war ein willkommener Elfmeter ohne Torwart für alle Rechten Deutschlands, die «Lügenpresse»-Schreier und die Rechtspopulisten der AfD, der sogenannten Alternative für Deutschland: «Seht her, so werden wir belogen.» Wir wurden Zeuge, wohin die Political Correctness der Behörden geführt hat.

Eben deshalb sehe ich es als eine der wichtigsten Aufgaben der Medien, diesen Fehler nicht zu begehen. Wer sich von falsch verstandener Rücksichtnahme, von Motiven der Political Correctness leiten lässt, ist zielsicher auf dem allerbesten Weg, seine Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die «Bild»-Zeitung stand, was dies betrifft, zum Glück nie im Verdacht. Im Gegenteil.

Als wir vor einigen Jahren thematisiert haben, dass der Anteil ausländischer Jugendlicher in der Kriminalstatistik in keiner Relation zu ihrem Anteil an der Bevölkerung steht, sind wir maximal kritisiert worden. Für noch grössere Anfeindungen sorgte unsere Schlagzeile «Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!». Zum Beispiel: Ausländer, die sich nicht an unsere Gesetze halten, haben hier nichts zu suchen. Oder: Auf den Schulhöfen muss Deutsch gesprochen werden. Immerhin: Heute, sechs Jahre später, sind diese Sätze auch im linken Feuilleton Common Sense.

So geboten es ist, sich seit der US-Wahl mit «Fake News» zu beschäftigten («Donald Trump rettet US-Soldaten in Privat-Jet!») – ist für die traditionellen Medienhäuser schon viel erreicht, wenn sie einfach schreiben, was ist. Es ist die vornehmste Aufgabe der Medien, die Wirklichkeit zu beschreiben, wie sie sich darstellt – und nicht, wie wir sie gern hätten.

Schweigen hilft nicht
Gerade die Erfahrungen in diesem Jahr haben Deutschland gezeigt, dass einer Gesellschaft nicht damit geholfen ist, Dinge zu verschweigen. Und mehr noch: Selbsternannte Eliten mussten feststellen, dass die Menschen auf der Strasse ein sehr gutes Gespür haben, wann ihnen etwas verschwiegen wird.

Übrigens: So richtig wir es finden, Probleme offen zu kritisieren, wo sie zu kritisieren sind, so aufrichtig konnten wir mit unserer wochenlangen «Refugees welcome»-Kampagne dafür werben, Menschen auf der Flucht vor Krieg und Tod in Deutschland aufzunehmen. Kritisiert wurden wir für das eine wie für das andere. Aber das muss man aushalten, wenn man glaubwürdig sein möchte.


* Kai Diekmann – 2001 bis 2015 Chefredaktor der Zeitung «Bild» und seit 2015 deren Herausgeber – verlässt den Axel-Springer-Verlag, zu dem «Bild» gehört, Ende Januar 2017.

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