Manchmal ist auch Ezra Klein mit seinem Latein am Ende. Dann beklagt sich das journalistische Wunderkind über die schwer verständliche amerikanische Verfassung. Meist aber weiss der bald 30-Jährige, der gerne einen konservativen Anzug und eine modische Brille trägt, auf jede Frage die passende Antwort. Auch deshalb gilt der Washingtoner Blogger als ungekrönter König der aufgeklärten Polit-Debatte in der US-Hauptstadt. Plattform dafür ist der «Wonkblog», der seit 2009 unter dem Dach der «Washington Post» publiziert wird – eine täglich aktualisierte Ansammlung von Artikeln, geschrieben von einem kleinen Team angeblich besonders kluger Köpfe (Englisch: «wonks»).

Mehr als vier Millionen individuelle Zugriffe (Unique Visits) zählt «Wonkblog» jeden Monat. Angesichts dieses Erfolgs erstaunt es nicht weiter, dass Klein Appetit auf mehr hat. Ihm schwebt eine Loslösung des «Wonkblog» von der «Post» vor – und ein radikaler Ausbau. In Washington heisst es, dass Klein diese Idee auch Jeff Bezos präsentiert habe, dem neuen Besitzer der traditionsreichen Tageszeitung. Bezos, Gründer des Internet-Warenhauses Amazon.com, soll aber abgewinkt haben, auch aufgrund der hohen Kosten für das Unterfangen. Klein schwebten Investitionen in achtstelliger Höhe vor, hiess es am Freitag in einem Artikel der «New York Times». Zum Vergleich: Bezos bezahlte für die «Post» 250 Millionen Dollar. Der «Wonkblog» war in diesem Preis inbegriffen.

Jetzt sucht Klein laut der «NY Times» nach anderen Geldgebern für sein journalistisches Projekt – und könnte mit seiner Loslösung von der «Washington Post» ein weiteres Beispiel liefern für einen Trend: profilierte Journalisten, die nach neuen Geschäftsmodellen abseits der etablierten Medienmarken suchen.

Zu diesen Journalisten gehört auch Glenn Greenwald, der mit seinen Geheimdienst-Recherchen in Zusammenarbeit mit NSA-Whistleblower Edward Snowden die britische Zeitung «The Guardian» bei ihrer Profilierung als globale Medienmarke nicht unwesentlich unterstützt hat. Mitten im Sturm der NSA-Enthüllungen kündigte Greenwald an, sich selbstständig machen zu wollen. Der Arbeitstitel der digitalen Medienplattform, für die er künftig tätig sein will: «First Look Media». Ebay-Gründer Pierre M. Omidyar, der ewige Rivale von Amazon-Chef Bezos, finanziert das Unterfangen und will nach eigenen Angaben 250 Millionen Dollar in das Projekt investieren – ebenso viel wie Bezos in die «Post».

Neustes Beispiel für die journalistische Markenbildung: Am 1. Januar lancierten zwei der führenden Technologie-Journalisten – Walt Mossberg und Kara Swisher, die bis zum Jahreswechsel unter dem Dach des «Wall Street Journal» für «AllThingsD» verantwortlich zeichneten – ein neues Internet-Angebot unter dem Namen «Re/code». Die Site widmet sich primär Gadgets.

Als Vorreiter dieser Entwicklung gilt Andrew Sullivan. Der Brite war ein Pionier des Weblogs, wie es früher hiess, und schrieb in den USA für diverse Auftraggeber über das politische Geschehen. Zuletzt arbeitete er für die Internetsite «Daily Beast», bevor er sich Anfang 2013 selbstständig machte.

Seither sind die Sullivan’schen Gedankensprünge auf der kostenpflichtigen Internetsite «The Dish» zu lesen. Der Schritt hat sich auch finanziell gelohnt, schrieb der Blogger kurz vor Jahresende. Im ersten Jahr sei es ihm gelungen, 34 000 Abonnenten zu gewinnen; Sullivans Einnahmen belaufen sich laut eigenen Angaben auf 851 000 Dollar.

Auch der Zahlenakrobat Nate Silver wechselte kürzlich seinen Arbeitgeber. Silver zügelte seinen profilierten Polit-Blog «FiveThirtyEight» – eine Anspielung auf die Zahl der Elektoren-Stimmen bei amerikanischen Präsidentschaftswahlen – von der «New York Times» zum Sportsender ESPN. Dort will Silver mit einem Team von 15 Angestellten ab diesem Frühjahr ein neues Internetangebot produzieren und sich vermehrt sportlichen Fragen widmen.

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