Die Journalisten machten es Thomas Schlitter (22) nicht einfach. In seiner Bachelor-Diplomarbeit wollte der Student der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften die politische Orientierung Deutschschweizer Journalisten erforschen – und stiess prompt auf grossen Widerstand. «Um Antworten zu erhalten, quetschen Medienschaffende ihr Gegenüber oft erbarmungslos aus», schreibt Schlitter. «Selber wehren sie sich aber hartnäckig gegen unerwünschte Fragen.» Es sei einfacher mit Journalisten über ihre sexuellen Praktiken zu sprechen, als über politische Einstellungen, antwortete ihm ein Medienschaffender.

Von den 1428 verschickten Fragebögen kamen dennoch 343 gültige zurück. Und die Studie belegt, was schon länger als Binsenweisheit gilt: Journalisten sind links orientiert. 37,1 Prozent fühlen sich von der SP am besten repräsentiert, gefolgt von den Grünliberalen mit 21,9 Prozent. Danach kommen die FDP (17,6%), die Grünen (16,9%) und die CVP (8,6%). Die SVP bringt es gerade mal auf magere 6 Prozent. Das überrascht auch Blogger auf der Homepage des Pressevereins. «Erstaunlich», kommentiert ein Leser, «denn geschrieben wird immer über jede noch so kleine Bewegung der SVP». Mitglied einer Partei sind allerdings nur 5 Prozent der befragten Schweizer Journalisten.

Während die Parteipräferenzen zum Teil deutlich von jenen der Schweizer Wähler abweichen, sind sich Journalisten und die Bevölkerung bei Sachfragen eher einig. Doch es gibt auch deutliche Unterschiede, wie das Minarettverbot zeigt: Nur knapp ein Viertel der Journalisten war dafür. In der Volksabstimmung wurde die Initiative hingegen klar mit 57,5 Prozent angenommen. Nicht mal ein Drittel der Medienschaffenden erachtet den Militärdienst als sinnvoll, dagegen ist die Mehrheit der Bevölkerung laut Umfragen für den obligatorischen Wehrdienst. Die Mehrheit der Journalisten spricht sich zudem – anders als die meisten Schweizer – für die Lockerung des Bankgeheimnisses aus.

Entscheidend in der Debatte über die Parteivorlieben den Medienschaffenden ist aber die Frage, wie sehr die eigene Einstellung Einfluss auf ihre Arbeit nimmt. Hier zeigt die Studie, dass weniger als 20 Prozent ihre Einstellungen bewusst in die Berichterstattung einfliessen lassen. Die grosse Mehrheit der Journalisten fühlt sich also dem Credo der objektiven Berichterstattung verpflichtet.

Eine unbewusste Einflussnahme schliessen die meisten Journalisten allerdings nicht aus. In spontanen Rückmeldungen am Ende des Fragebogens geben viele Journalisten an, dass eine absolut werteneutrale Berichterstattung schlicht nicht möglich sei. Allerdings bemühe man sich, die eigene Einstellung aussen vor zu lassen.

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