VON CLAUDIA WEISS

Jedes Mal, wenn Marco Tschirren (Name geändert) in einen Bus stieg, verfolgte ihn das Gefühl, alle würden ihn anstarren und taxieren. «Wenn dann noch zwei miteinander tuschelten oder lachten, war ich überzeugt, dass sie über mich redeten», erzählt der 22-Jährige.

Und manchmal war er überzeugt, eine fremde Macht und nicht er selber diktiere sein Tun – beides Gefühle, die auf eine mögliche Psychose hindeuten. Der endgültige Zusammenbruch passierte Anfang 2010 im Praktikum zur Lehrerausbildung: Nach einer Stunde meinte seine Mentorin, er wirke auf sie, als ob etwas nicht in Ordnung sei. «Ich hatte den Überblick verloren, vergass alles und befand mich ständig in höchster Alarmbereitschaft», erzählt Tschirren.

Die Rückmeldung riss bei ihm eine Mauer ein: «Ich brach weinend zusammen – und war doch froh, eingestehen zu können, dass es mir nicht gut geht.» Endlich konnte er Hilfe annehmen.

Hilfe bekam Tschirren von einer Psychiaterin, die eine intensive Gesprächstherapie anfing und ihn aufgrund seiner psychotischen Symptome gleichzeitig zur Früherkennungsstudie am «Zürcher Impulsprogramm für nachhaltige Entwicklung der Psychiatrie» (ZInEP) anmeldete. Dort werden Personen mit ersten Anzeichen unter der Leitung von Wulf Rössler, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik, im Rahmen einer Früherkennungsstudie abgeklärt. Die auf fünf Jahre angelegte Studie soll zeigen, unter welchen Umständen sich eine Psychose entwickelt und wie sie frühzeitig erkannt werden kann.

Dabei fanden Rössler und sein Team bestätigt, was eine jüngst veröffentlichte Langzeitstudie der Universität Maas-tricht mit 1923 Personen im Alter von 14 und 24 Jahren ergeben hatte: Cannabis fördert Psychosen. In Zahlen sieht das zuerst wenig imposant aus: «Etwa drei von hundert Cannabis-Konsumenten entwickeln eine Psychose», so Rössler.

Umgekehrt tönt es deutlich anders: «Zehn bis fünfzehn Prozent jener, die eine Psychose entwickeln, haben gekifft.» Für den Psychiater ist unter solchen Umständen eine Legalisierung nicht vertretbar. «Natürlich ist Kiffen nicht der einzige Faktor: Ob sich eine Psychose entwickelt, ist auch eine Frage der Vulnerabilität, der psychischen Verletzlichkeit und der Umstände. Aber Kiffen ist der einzige Faktor, den man vermeiden kann.» Darum fordert er, der Zugang zu Cannabis müsse deutlich erschwert werden.

Proband Marco Tschirren hat in seinem Leben nie gekifft, hat dafür wahrscheinlich bereits im Mutterleib Heroin von seiner damals abhängigen Mutter abbekommen. «Wir wissen nicht, ob das einen Einfluss hat. Aber eine schwierige Kindheit kann sich negativ auswirken», sagt Tobias Paust, Assistenzarzt und Case Manager im ZInEP. Er begleitet Tschirren durch die Studie und bezeichnet ihn als «typischen» Probanden: «Er weist ein paar Risikokriterien auf, und in den nächsten drei Jahren wird sich zeigen, ob sich aus diesen Anzeichen eine Psychose entwickelt oder nicht.»

Psychosen, so Studienleiter Wulf Rössler, tauchen meist bei jungen Leuten auf und kippen sie oft aus ihrem ganzen sozialen Gefüge: «Manche verlieren Arbeitsstelle, Freunde und Wohnung und müssen am Ende gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingeliefert werden.» Deshalb ist für ihn in der Psychiatrie Früherkennung genauso wichtig wie bei körperlichen Krankheiten.

Der Verdacht, dadurch würden eigentlich gesunde Menschen vorzeitig psychiatrisiert und unnötige Mehrkosten verursacht, erstaunt ihn: «Wer zu uns kommt, leidet bereits unter Symptomen, und sein Leben funktioniert nicht mehr gut», sagt er. Und: «Das Stigma einer Psychose wiegt schwer. Je rascher wir Leute mit ersten Anzeichen auffangen und wieder ins Berufsleben integrieren können, desto grösser sind ihre Chancen. Das wiederum spart enorme Krankheitsfolgekosten.»

Für Marco Tschirren bedeutet die Studie in erster Linie Sicherheit: Er ist froh, dass er in regelmässigen Abständen untersucht wird. Vorläufig arbeitet er als PC-Supporter und versucht, sich seinen Alltag zurückzuerobern. Und hofft, dass nie eine Psychose ausbricht.

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