Vor der ersten Printerscheinung sagten Sie: «Wir sind zurück und bereit, ein bisschen Lärm zu machen.» Ihre Bitcoin-Story sorgte weltweit für Schlagzeilen, allerdings wird der Wahrheitsgehalt angezweifelt. War das zu viel Lärm?
Jim Impoco: Nein, so etwas wie zu viel Lärm gibt es gar nicht. Es ist nicht so, dass wir Mr. Nakamotos Namen im Telefonbuch gefunden haben und dann zum Schluss kamen: Das ist er jetzt. Wir haben monatelang recherchiert und konnten alle potenziellen Kandidaten nach und nach ausschliessen – bis auf diesen Mann. Als wir ihn mit unseren Recherchen konfrontierten, sagte er: «Damit habe ich nichts mehr zu tun.»

Trotzdem streitet er bis heute jegliche Verbindung ab.
Als wir ihn kontaktierten, war ein Polizist vor Ort. Er stützt unsere Version.

Die Zweifel bleiben – und das ausgerechnet in Ihrer ersten Printausgabe.
Diese Geschichte war auch für uns nicht einfach. Unsere Reporterin hat Morddrohungen erhalten. Bilder meines Hauses wurden online gepostet.

Weil «Newsweek» das Haus des angeblichen Bitcoin-Erfinders zeigte.
Er hätte doch nur sagen müssen: «Das ist die dümmste Geschichte, die ich je gehört habe.» Stattdessen hat er sich versteckt. Ich kann keine Details nennen, aber wir wissen mehr, als wir publiziert haben, vertrauen Sie mir.

Hätte die Story das gleiche Aufsehen erregt, wenn Sie nur online erschienen wäre?
Nein, und das ist der Punkt: Die Coverstory ist sehr mächtig. Wäre es ein Buzzfeed-Artikel gewesen (US-Newswebseite), wäre das Thema nach einer Stunde gegessen gewesen.

Ihre Vorgängerin Tina Brown war anderer Meinung. Sie sagte: «Print ist tot.»
Nun ja, sie war sehr verschwenderisch, hat Zehntausende Dollars für Fotoshootings ausgegeben, die es noch nicht mal in die Ausgabe schafften. Wir brauchen keine Hollywoodstars auf dem Cover. Unser Ziel ist es, ein Premium-Produkt anzubieten. Dabei gehen wir in die Tiefe, erzählen Geschichten. Anderen geht es um Geschwindigkeit. Konsumenten erinnern sich doch nicht, wer die News nun 30 Sekunden früher veröffentlicht hat.

Vor 20 Jahren lag Ihre Auflage noch bei vier Millionen Exemplaren. Nun wären Sie mit 100 000 zufrieden. Glauben Sie nicht mehr an den Erfolg?
Mittelfristig ist eine Auflage von einer Million unser Ziel. Wir erwecken gerade die Toten zum Leben. Man darf nicht vergessen, dass unsere Website zwei Millionen Klicks pro Monat hat. Hier wollen wir sogar auf zehn Millionen kommen. Gemeinsam mit dem Print sind wir stark.

Wie lesen Sie persönlich die Zeitungen? Auf Papier oder online?
Ich lese eigentlich alles auf dem iPhone oder iPad.

Also predigen Sie Wasser und trinken Wein.
Ich bin mit der gedruckten Zeitung aufgewachsen und habe Jahrzehnte im Printbereich gearbeitet. Glauben Sie mir, ich verstehe, wie Print funktioniert, ich liebe es sogar. Ich bin aber auch zuständig für unseren Internet-Auftritt. Sie können kein gutes digitales Produkt anbieten, wenn Sie zu Hause sitzen und nur Zeitungen lesen.

Werden Paywalls unumgänglich?
Der grösste Fehler war doch, die Inhalte gratis in Netz zu stellen. Wir haben eine ganze Generation herangezüchtet, die glaubt, dass Informationen gratis zu haben sind. Jetzt reagieren die Verlage endlich.

In der Schweiz diskutiert die Medienkommission darüber, Medienhäuser in der einen oder anderen Form finanziell zu unterstützen. Was halten Sie davon?
Als letzter Ausweg ist das durchaus denkbar. Die Unabhängigkeit sehe ich dabei nicht gefährdet. BBC online wird staatlich unterstützt und die leisten gute Arbeit. Ohnehin werden die Zeitungen heute vom eigenen Unternehmen unter finanziellen Druck gesetzt. Wie unabhängig ist man dann noch? Mir persönlich gefällt ein Stiftungsmodell, wie es der «Guardian» hat, am besten.

Wie müssen sich Journalisten diesem Wandel anpassen?
Der Journalismus muss schlicht besser werden. Früher begleitete der Korrespondent des Weissen Hauses den Präsidenten auf eine Reise in den Nahen Osten und schrieb danach über den Konflikt, obwohl er keine Ahnung davon hatte. Diese Zeiten sind vorbei: Journalismus heute muss auf Daten basieren, er muss dem Leser Kontext geben und – das Wichtigste – der Journalist muss schlicht die Materie verstehen. In Zeiten, in denen Gratiszeitungen verteilt werden, bleibt uns nichts übrig, als besser zu sein.

Sie sprechen die Berichterstattung vor Ort an. Wie gehen Sie als Chefredaktor damit um, dass Sie Journalisten, wie zurzeit auf der Krim, keine Sicherheit garantieren können?
Wir beten! Noch nie wurden so viele Journalisten als Geisel genommen, wie in den letzten Jahren. Früher waren Journalisten selbst für Extremisten ein Tabu. Das ist vorbei. Die Krim ist derzeit gefährlich.

«Newsweek» ging in der Vergangenheit mit Barack Obama hart ins Gericht. Ist er in der Krim-Krise zu zögerlich?
Das sagen die Rechten. Die kritisieren ihn immer, egal, ob er die Füsse hochlegt oder eine Atombombe auf Moskau wirft. Meine Zwillinge sind acht Jahre alt und haben noch nie eine Welt erlebt, in der die USA nicht in einem Krieg feststecken. Eine weitere Intervention ist das Letzte, was Amerika braucht. Der Kalte Krieg ist vorbei, da kann Putin machen, was er will. Russland ist nur noch ein Schatten vergangener Tage. Die wirtschaftlichen Sanktionen werden Putin hart treffen. Russland lebt nur noch von seinem Öl und Gas.

Putin hingegen versucht, Stärke zu demonstrieren: Für eine TV-Show hat er sogar den Whistleblower Edward Snowden zugeschaltet.
Das war schon ein Ding.

Ist Snowden für Sie ein Held oder ein Verräter?
Unser Kolumnist hat es am besten auf den Punkt gebracht: Wenn Snowden nicht schon vorher zu den Russen gehörte, so tut er es jetzt.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem US-Geheimdienst gemacht?
Gleich zu Beginn meiner Zeit als Chefredaktor wurde ich wegen einer Story nach Langley, zum Hauptsitz der CIA, gerufen. Leider kann ich keine Details preisgeben, aber wissen Sie, wer mich da empfing? Der oberste Spion der USA, John Brennan, der Direktor der CIA.

Und?
Ich sagte ihm einfach: «Die Leute denken, ‹Newsweek› ist tot, Mr. Brennan. Aber wenn Sie mich empfangen, glauben Sie wohl nicht daran.» (lacht)

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