«iTunes ist von gestern»

1333225183.jpg

1333225183.jpg

Streaming statt Download heisst das Rezept der Web-Dienste Spotify, Simfy und Deezer. Die Alternativen zu iTunes ändern unsere Hörgewohnheiten.


Damit kann keine Plattensammlung mithalten: Rund 15 Millionen Songs bietet das Webportal Spotify – sie alle können gratis und vollkommen legal angehört werden. Was sich wie ein Albtraum für die Musikindustrie anhört, könnte deren Rettung sein. «Die Idee einer Internet-Jukebox ist perfekt und könnte sich als ein funktionierendes Modell erweisen, um auch in Zukunft mit Musik Geld zu verdienen», meint Gerd Leonhard, Internetstratege und Autor des Buches «Music 2.0». «Das Modell iTunes ist von gestern. In Zukunft lässt sich Musik nicht mehr als Produkt verkaufen, sondern nur als Service vermarkten.»

Genau das versuchen so genannte Streaming-Dienste wie Spotify, Simfy oder Deezer, die es möglich machen, Musik direkt übers Internet anzuhören. Bei den meisten Portalen ist der Zugang zur Musik kostenlos und wird werbefinanziert. Doch wer seine Lieblingssongs temporär auf sein Smartphone laden will, muss ein Premium-Abo lösen, das in der Regel rund 13 Franken kostet. Die Songs bleiben dann so lange auf dem Handy zugänglich, wie man die Gebühren bezahlt.

Die Plattenlabels, welche die Musik den Portalen gegen Bezahlung und Umsatzbeteiligung zu Verfügung stellen, stehen diesem neuen Modell grundsätzlich positiv gegenüber. «Legale Streaming-Dienste sind die richtige Alternative zu den illegalen Tauschbörsen», meint Christoph Germann von Universal Music. Ähnlich sieht das Berny Sagmeister von EMI: «Musikstreaming ist ein Trend, vor dem wir uns nicht verschliessen dürfen.» Lukrativ für die Plattformen und die Labels werde das aber erst, wenn es gelinge, einen markanten Anteil der Gratisnutzer zu zahlenden Kunden zu machen. Denn bisher ist noch keiner der Dienste profitabel – auch der Branchenprimus Spotify nicht. Dabei hat der Dienst mittlerweile laut eigenen Angaben insgesamt über 10 Millionen Nutzer. Immerhin 2,5 Millionen davon zahlen für den Service.

Gerd Leonhard appelliert an die Geduld. «Alle, die übers Handy Musik hören, sind potenzielle Kunden von Streaming-Diensten. Wenn man ihnen beispielsweise zusammen mit dem Mobilfunkvertrag ein lukratives Angebot macht, kann man sie quasi auf Lebensdauer an einen Dienst binden.» Denn hat man erst einmal Playlists mit Songs seiner Lieblingskünstler zusammengestellt, wechselt man nicht so schnell zu einem anderen Service.

Durch das Internet hat sich die Musik von ihrem Träger gelöst und ist frei zugänglich geworden. Das ändert auch die Hörgewohnheiten der Konsumenten. Wenn einem fast unendlich viel Musik zur Verfügung steht, dann fühlt man sich rasch überfordert.

Hier setzt der aus Schweden stammende Dienst Spotify an. Das Portal funktioniert quasi als soziales Musiknetzwerk. Der Nutzer meldet sich mit seinem Facebook-Account an. Er sieht, was seine Freunde hören, und hat Zugriff auf verschiedene Applikationen, die ihm beim Entdecken neuer Musik helfen. Man kann den Hörgewohnheiten ausgewählter Stars folgen oder eine auserlesene Playlist des renommierten Musikmagazins «Rolling Stone» abonnieren.

Wer will, kann auch seinen gesamten Musikkonsum mit der Applikation Last.fm aufzeichnen lassen und bekommt so Vorschläge von Künstlern, die ihm gefallen könnten – je länger man die Software nutzt, desto mehr passen sich die vorgeschlagenen Songs dem eigenen Musikgeschmack an.

Noch weiter geht eine Applikation des momentan in der Schweiz noch nicht verfügbaren Dienstes Songza. Die App generiert automatisch personalisierte Playlists, die sich der jeweiligen Tageszeit und dem entsprechenden Wochentag anpassen. So werden dann – je nach Vorlieben des Hörers – etwa am Montagmorgen Songs gespielt, die für einen guten Wochenstart sorgen sollen, und am Freitag solche, um in Partylaune zu kommen.

Visionäre Geister wittern natürlich bereits neue Geschäftsmodelle. Wenn man einem Web-Dienst seinen persönlichen Musikgeschmack preisgibt, könnte das dereinst dazu genutzt werden, um Werbung im Internet oder im Fernsehen passend mit den Lieblingssongs des jeweiligen Hörers zu unterlegen. Und in einer Bar oder im Einkaufszentrum könnte die Musik dem Geschmack der Kunden angepasst werden, die sich gerade im Raum befinden. Auch in Zukunft wird man für Musik bezahlen, nur wohl weniger mit Geld, dafür umso mehr mit seinen persönlichen Daten.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!

Artboard 1