Sie sieht harmlos aus mit ihrer porzellanweissen Haut. Doch hinter den glasigen Augen der Schaufensterpuppe sind kleine Hightech-Kameralinsen eingebaut, welche die Einkaufsbummler beobachten und analysieren. Bilderkennungs-Algorithmen schätzen das Alter, erkennen das Geschlecht der Person und die ethnische Herkunft.

«EySee» heissen die Schaufensterpuppen des italienischen Herstellers Almax. Sie kommen bereits in den USA sowie mehreren europäischen Ländern zum Einsatz und liefern den Ladenketten interessante Informationen über ihre Kunden. Diese können für Marketingzwecke und zur optimalen Positionierung von Artikeln in Schaufenstern genutzt werden.

Betritt der Kunde dann das Geschäft, so kann er durch die Überwachungskameras weiter beobachtet werden. Findet er sofort, was er sucht oder irrt er im Laden herum? Wie lange hält er sich in welchem Bereich des Geschäfts auf? Um solche Fragen zu beantworten, hat die niederländische Computerwissenschafterin Mirela Popa von der Delft University of Technology eine Kamerasoftware entwickelt, welche das Verhalten der Kunden analysiert.

«Die Ladenbesitzer können dank diesem System ihre Geschäfte optimieren und den Umsatz steigern», sagt Mirela Popa. «Auf der anderen Seite profitieren auch die Kunden, da sie ihre Einkäufe schneller abwickeln können.» Noch wird die Kamera-Anwendung der Delft University nicht kommerziell genutzt. Doch es dürfte eine Frage der Zeit sein, bis dieses oder ein ähnliches System zum Einsatz kommt.

Möglich werden solche Kamera-Anwendungen dank den Fortschritten in der Bildanalyse. «Früher hatte eine Kamera Mühe, einen Strichcode richtig zu erkennen», sagt Thomas Vetter, der am Institut für Informatik der Universität Basel an Gesichtserkennungssoftware forscht. «Heute verfügen wir über Software, welche aus den unterschiedlichsten Winkeln erkennt, dass sich ein Mensch auf einem Bild befindet.»

Diese Entwicklung wird weiter gehen – Grenzen sind keine in Sicht. «Kameratechnologien und Software zur Bildanalyse werden immer besser und billiger», sagt Volker Roth vom Institut für Computerwissenschaften der Freien Universität Berlin. Zu erwarten sei, dass zuerst einzelne Geschäfte solche Analysewerkzeuge einsetzen werden. Später würden sich dann wohl einige wenige Dienstleister hervortun, welche die Analyse für verschiedene Geschäfte übernehmen.

So lassen sich die Daten von unterschiedlichen Ladenketten kombinieren und es entsteht eine grossflächige Kundenüberwachung. «Ein solches Szenario halte ich für wahrscheinlich und betrachte ich mit grosser Sorge. Die Privatsphäre der Bürger wird so unterwandert», sagt Volker Roth. Weniger pessimistisch blickt Thomas Vetter in die Zukunft: «Die technische Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Doch wir können entscheiden, wie wir sie nutzen wollen.» Der Fortschritt in der Bildanalyse mache die Diskussion um den Datenschutz und die Privatsphäre noch wichtiger.

Für Thomas Vetter ist es zentral, dass der Nutzer einsehen kann, welche Daten über ihn gesammelt werden und wer Zugriff darauf hat. Um Überwachungsszenarien zu verhindern, müsse die Vernetzung der Daten unterbunden werden. Erst recht, wenn jede Kamera Gesichter erkennen kann. Das können zwar Handy-Kameras schon jetzt, doch nur wenn der Nutzer frontal in die Linse blickt und die Lichtverhältnisse stimmen. In einer nicht allzu fernen Zukunft jedoch wird wohl jede Kamera über das Potenzial verfügen, Passanten beim Vorbeigehen zu identifizieren.

Auch Luc Van Gool vom Institut für Bildverarbeitung an der ETH Zürich ist überzeugt, dass Kamera-Anwendungen in Zukunft noch einen viel grösseren Einfluss haben werden – und zwar auf den unterschiedlichsten Gebieten. «Für den Menschen ist der Sehsinn von grosser Bedeutung. Deshalb haben wir das Bedürfnis, unsere Maschinen mit ähnlichen Fähigkeiten auszustatten», sagt van Gool. Es gibt bereits Autos, die mit Kameras ausgestattet sind und automatisch bremsen, wenn etwa ein Kind abrupt auf die Fahrbahn rennt. Kameras werden auch dazu genutzt, den Fahrer zu «überwachen». Beginnt er mit den Augen zu zwinkern, so vibriert das Steuerrad, um den Fahrer am Einschlafen zu hindern.

An Flughäfen kommen Kameras zum Einsatz, um Warteströme zu optimieren, und in einigen Stadien und bei Grossveranstaltungen, um Massenpanik vorherzusehen. So kann eingegriffen werden, noch ehe sie eintrifft. Ähnlich liessen sich «intelligente» Überwachungskameras auch zum Verhindern von Verbrechen einsetzen. Denn das Problem an heutigen Überwachungskameras ist, dass sie zwar Verbrechen aufzeichnen, doch die Polizei meistens erst hinterher davon erfährt. Würde die Software aber erkennen, wenn sich aggressives Verhalten anbahnt, so könnte unmittelbar ein Streifenwagen an diesen Ort fahren.

Schon heute wird mit Algorithmen experimentiert, die erkennen, ob jemand betrunken ist. Dazu analysiert eine Wärmebildkamera das Gesicht. Bei Betrunkenen erwärmt sich die Nase proportional stärker als die Stirn. Es gibt also durchaus einige nützliche Anwendungen. Dennoch fürchten viele die omnipräsenten Kameraaugen, die uns von Hausdächern, Handys und Laptops entgegenblicken. «Technik lässt sich immer zum Nutzen der Menschen oder gegen die Menschen verwenden.

Das war schon beim ersten Steinkeil so und ist bei der neusten Kameratechnologie nicht anders», sagt Luc van Gool. Europäer seien der Technik gegenüber oft zu misstrauisch eingestellt, meint der gebürtige Belgier. Und Thomas Vetter sagt: «Ich bin ein grosser Verfechter des Datenschutzes. Ich glaube aber, dass die Akzeptanz von Kameras in öffentlichen Plätzen, Geschäften, Autos und unserer Wohnung zunehmen wird.»

Gleichzeitig werden Kameras weitere Fähigkeiten erlernen, um uns besser zu verstehen. Die ersten Kameras von Handys erkennen, ob sich ein lachendes Gesicht im Fokus befindet und drücken dann automatisch den Auslöser. In Zukunft werden Kameras Emotionen noch differenzierter analysieren können und so Rückschlüsse auf unsere Gemütslage ziehen. Und wenn das möglich ist, dann sind auch Geschäftsstrategien nicht weit, um mit dem Wissen über unsere Gemütszustände Geld zu verdienen.

Microsoft hat für das Kameraauge seiner Spielkonsole Kinect kürzlich ein Patent eingereicht, um die Emotionen von Spielern anhand der Mimik und Körperhaltung zu analysieren. Diese Daten liessen sich natürlich auch für Werbezwecke nutzen: So könnte für die depressiven Stunden Schokoladewerbung eingeblendet werden, und für die fröhlichen Momente des Kaufrausches Reklame für Kinderspielzeug.

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