Herr Swantee, im connect-Netztest ist Sunrise diese Woche zum ersten Mal zur Nummer 1 erkoren worden. Haben Sie gefeiert?
Olaf Swantee: Ja, wir haben sehr viel gefeiert! Die Mitarbeitenden in der ganzen Schweiz haben den Erfolg mit Torten gefeiert, und am Hauptsitz in Zürich haben wir für unsere Netzwerkspezialisten und die Techniker unseres Partners Huawei eine Party organisiert.

Bisher war die Swisscom auf den Sieg abonniert. Nun hat Sunrise 18 Punkte Vorsprung …
Dass wir mit einem so grossen Unterschied gewonnen haben, ist interessant. Die Leute von connect haben noch gar nie eine so hohe Punktezahl gesehen. Nur für uns haben sie eine neue Kategorie eingeführt: Statt nur «sehr gut» sind wir «überragend» – als erste und einzige Telekomfirma!

Seit Jahren lobbyieren Mobilfunk-Betreiber für höhere Grenzwerte bei der Antennen-Strahlung. Der Netztest zeigt aber, dass die Schweizer Netze deutlich besser sind als die ausländische Konkurrenz. Diese Forderung ist doch Zwängerei.
Nein! Wir haben allein letzten Monat ein Wachstum von 74 Prozent bei mobilen Internetprodukten gesehen. Um die digitale Infrastruktur beizubehalten und längerfristig keine Engpässe zu haben, braucht es drei Dinge: Frequenzen, die Geräte im Netzwerk und Antennen. Heute haben wir das Problem, dass uns die sogenannte NIS-Verordnung limitiert. Auf vielen Antennen dürfen wir deswegen nicht das ganze Frequenzspektrum einsetzen. Deshalb brauchen wir unbedingt eine Lockerung der Grenzwerte. Die Schweizer Grenzwerte sind viel strenger als irgendwo auf der Welt. Und dieses Problem kann man auch nicht mit Wi-Fi oder ähnlichen Ansätzen lösen. Wenn nichts passiert, gerät die digitale Infrastruktur in Gefahr. Das wird zum grossen Problem für die Schweiz.

Sie selbst wohnen am rechten Zürichseeufer, das für seine Funklöcher bekannt ist. Die Versorgung wird mehr schlecht als recht durch Antennen auf der gegenüberliegenden Seeseite sichergestellt.
Das ärgert mich sehr. Ich habe in Ländern gearbeitet, in denen es ein Fest gab, wenn eine Antenne aufgestellt wurde. In der Schweiz können einzelne Anwohner eine Antenne jahrelang verhindern, wollen aber trotzdem die allerbeste Versorgung. Vom Zeitpunkt eines Baugesuchs bis zur Inbetriebnahme können Jahre vergehen. Und auf viele Vermieter wird von Antennengegnern Druck ausgeübt, sodass die Standortsuche extrem schwierig und die Standortmieten sehr hoch sind. Diese machen einen sehr grossen Teil unserer Netzwerkkosten aus.

Was schlagen sie vor?
Man müsste die öffentliche Hand verpflichten, öffentliche, also vom Steuerzahler finanzierte Gebäude grundsätzlich für Mobilfunkfirmen als Antennenstandorte zugänglich zu machen. So wird es in England gemacht.

2009 scheiterte die Fusion zwischen Orange Schweiz und Sunrise. Gibt es einen weiteren Anlauf?
Eine Fusion kann Kosteneinsparungen bringen und positiv für die Gesellschaft sein, das hat man in England gesehen. Ein Zusammenschluss ist kurz- oder mittelfristig sicher nicht möglich. Vor sieben Jahren wurde die Fusion von Orange und Sunrise, an der ich auch beteiligt war, nicht erlaubt. Das ist der Präzedenzfall. Es gibt zurzeit keine Fusions-Projekte, und Sunrise braucht keine Konsolidierung. Wir sind mit unseren Angeboten schon konvergent.

Salt kämpft zurzeit mit dem Anbieten günstiger Produkte um Anteile. Spüren Sie diese Konkurrenz?
Nein. Wir führen eine erfolgreiche Mehr-Marken-Strategie. Gerade mit yallo können wir uns sehr gut gegen Budget-Brands wie Salt wehren. Im Geschäftskundenbereich sind wir eben der FreeMove-Allianz mit Orange, Telia, der Deutschen Telekom und Telecom Italia beigetreten. Dadurch können wir internationale Verträge mit Grosskunden abschliessen und uns gegenüber Salt auch in diesem Bereich gut positionieren.

Die EU will in Zukunft keine Roaming-Gebühren mehr. Wann wird Roaming bei Sunrise abgeschafft?
Endkunden in Europa und der Schweiz haben heute die Möglichkeit, sehr günstig zu Roaming zu kommen. Es braucht keine weiteren Gesetze. Wir haben aber ein Problem in Ländern wie Kuba, auf den Malediven oder Seychellen – was wir bei uns Region 3 nennen. In vielen dieser Länder haben lokale Anbieter eine Monopolstellung und verlangen sehr hohe Preise. Wir versuchen, Lösungen zu finden. Wenn das nichts bringt, sind wir längerfristig auch bereit, das Roaming in diesen Ländern zu beenden. Dann gibt es dort eben nur noch WLAN.

Sie wollen Bündelprodukte mit Internet und TV verkaufen. Mit Ihren 150 000 TV-Kunden sind Sie in diesem Bereich aber ein kleiner Fisch gegenüber der Swisscom mit 1,4 Millionen Kunden. Wieso?
Einerseits verkaufen wir erst seit 2012 unser Fernsehprodukt. Zudem hat die Swisscom ein Gratis- und ein Bezahl-Produkt. Wir haben kein Produkt, das nichts kostet. Und wenn wir nur die beiden Pay-Produkte vergleichen, sind wir bezüglich Kundenwachstum auf exakt demselben Niveau.

Die Swisscom dominiert den Markt nach wie vor. Kein anderer Ex-Monopolist in Europa hat einen so hohen Marktanteil wie die Swisscom.
Die Wettbewerbsbehörden haben die Möglichkeit einzugreifen, wo der Markt nicht funktioniert. Diese Ex-post-Regulierung finde ich gut, und sie kann auch funktionieren. Die Weko hat ja etwa bei der Frage der Fernseh-Inhalte reagiert und die Swisscom gebüsst. Aber die Rechtsprozesse sind viel zu langsam. Man kann jedes Problem jahrelang weiterziehen. Die Swisscom hat die entsprechenden finanziellen Mittel und nutzt sie auch. Beim neuen Fernmeldegesetz ist es nun wichtig, dass der Bundesrat im Bereich der Glasfasernetze eingreifen kann, wenn der Markt nicht funktioniert.

Initiativen zur digitalen Zukunft schiessen wie Pilze aus dem Boden. Mit Projekten wie eZurich oder «digital Switzerland» soll die Schweiz ein bisschen zum Silicon Valley werden. Wieso ist Sunrise nicht dabei?
Sunrise ist eine Firma, die sich auf das Wesentliche fokussiert. In unserem Fall sind das unser Netzwerk und der Kundendienst. Es ist natürlich wichtig, dass sich die Politik diese Gedanken macht. Aber die wichtigste Frage ist: Hat die Schweiz die richtigen Rahmenbedingungen und die richtige Infrastruktur, wie es in Japan oder Südkorea der Fall ist? Und da sind Dinge wie die NIS-Regelung viel wichtiger als solche Initiativen. Sich Gedanken zu machen über Dinge wie E-Health oder selbstfahrende Autos, finde ich gut, aber die Rahmenbedingungen für die digitale Infrastruktur müssen oberste Priorität haben.

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