VON FELIX STRAUMANN

Eigentlich dürfte es den mächtigen Eisschild auf Grönland gar nicht geben. Er ist ein Überbleibsel der letzten Eiszeit, die vor über 10 000 Jahren endete. Weggeschmolzen ist er bisher einzig noch nicht, weil er beeindruckende 3000 Meter hoch ist. In dieser Höhe ist es zu kalt für eine Schmelze. Zum Glück. Denn ohne dieses Eis läge der Meeresspiegel sieben Meter höher.

Doch seit ein paar Jahren beginnt der Eispanzer der grössten Insel der Erde mit zunehmendem Tempo zu bröckeln. Zur-zeit trägt Schmelzwasser aus Grönland 10 bis 20 Prozent zum Meeresspiegelanstieg bei. Dieser Anteil wird steigen.

Das Abschmelzen des Grönlandeises sei für den Meeres-spiegel «auf lange Sicht der bedeutendste Beitrag», sagt Hubertus Fischer, Klimaphysik-Professor und Glaziologe an der Universität Bern.

Einer, der sich intensiv mit der Erforschung des Tauwetters vor Ort beschäftigt, ist der Schweizer Gletscherforscher Martin Lüthi. «Grönland ist wie eine Badewanne: Die Eismassen im Landesinneren sind umgeben von Gebirge. Nur an wenigen Stellen fliessen Gletscher direkt ins Meer», erklärt Lüthi.

Auf seinem Laptop zeigt er Bilder der kargen Welt, die er erforscht. Abgeschliffene Felsformationen, Geröll und vor allem ausgedehnte Eisflächen – hier ist die Natur spärlich ausgestattet. Noch spärlicher als Lüthis Büro an der ETH Zürich, wo zwei einfache Tische mit Papierstapeln, drei Stühle und provisorisch aufgehängte Satellitenbilder klar-machen, dass der Forscher lieber in der freien Natur ist.

Als vor zwei Jahren der Bericht des Weltklimarats IPCC erschien, rechneten die Klimaforscher im schlimmsten Fall mit einem Anstieg des Meeresspiegels um rund 60 Zenti-meter bis Ende dieses Jahrhunderts. Inzwischen gilt dieses Worst-Case-Szenario als sehr optimistisch.

Dies wurde im vergangenen März klar, als sich die Spitzen der internationalen Klimaforschung zu einer Tagung in Kopenhagen trafen. Im Extremfall könnte der Anstieg zwei Meter betragen, glauben Experten heute. Lüthi hält einen Meter für «durchaus möglich». Betroffen wären weltweit viele Millionen Menschen, die in Küstenregionen leben.

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