VON FELIX STRAUMANN

Herr Ulmer, ein Vulkanausbruch in unmittelbarer Nähe wie jetzt auf Island muss der Traum jedes Vulkanologen sein.
Für uns ist der Ausbruch tatsächlich sehr interessant, denn im Vergleich zu anderen ist er ein ganz spezieller Fall. Weil Schmelzwasser mit dem Magma in Berührung kommt, werden Explosionen ausgelöst. Das kann man nicht sehr häufig beobachten.

Reisen Sie auch nach Island?
Natürlich gehe ich gerne aktive Vulkane anschauen, ich renne aber nicht jedes Mal hin. Ich untersuche vor allem, was im Untergrund passiert und was das Magma für physikalische Eigenschaften haben muss, damit es zu solchen Ausbrüchen kommt.

Für Aussenstehende kam dieser Ausbruch unerwartet. Für Vulkanologen?
Für uns kam das nicht überraschend. Man sah seit einiger Zeit an der Seismik, dass etwas passiert. Die Bevölkerung wurde auch gewarnt, bevor der Vulkan am 20. März das erste Mal ausbrach. Allerdings wusste man nicht genau, wo das Magma herauskommen wird, da es sich um ein System aus verbundenen Vulkanen handelt.

Wie weit voraus sehen Vulkanologen, dass etwas passiert?
Im Normalfall eine bis vier Wochen. Man beobachtet Erdbewegungen, die durch aufsteigendes Gas und Magma entstehen. Zusätzlich sind auf dem Vulkan drei, vier GPS-Stationen installiert. Mit diesen lässt sich messen, wie er sich aufbläht. Das Ausmass der Explosionen konnte man jedoch nicht voraussagen.

Dieses Jahr gab es weltweit mehrere grosse Erdbeben. Besteht da ein Zusammenhang zum Vulkanausbruch auf Island?
Island ist eigentlich fast immer geologisch aktiv. Dass ein Zusammenhang zu den Erdbeben bestehen könnte, ist etwas weit hergeholt. Die Häufung betrachte ich als Zufall – es gibt aber immer Leute, die das anders sehen.

Wie lange, glauben Sie, wird der Vulkan weiter aktiv bleiben?
Als der Eyjafjallajökull 1821 das letzte Mal ausbrach, war er etwa ein Jahr aktiv. Danach ist der mit ihm verbundene Vulkan Kapla ausgebrochen. Von dem her könnte es diesmal möglicherweise bis zwei Jahre dauern. Allerdings ist dies lange für einen Vulkan. Auf Island ist die Erfahrung jedoch schon, dass Eruptionen eher lang anhaltend sind.

Dann wird der europäische Flugverkehr die nächsten zwei Jahre blockiert sein?
Nein. Ich schätze, dass die Explosionen Tage bis im schlimmsten Fall Wochen andauern. Wenn der Vulkan am Ort bleibt, wo er jetzt ist, hat er sich irgendeinmal durchs Eis durchgefressen. Dann stoppen die Explosionen und die Lava fliesst mit einer «nur» rund zweihundert Meter hohen Fontäne aus. Die Explosionen entstehen, weil kaltes Schmelzwasser das 1000 Grad heisse Magma abschreckt. Dadurch entsteht ein Gas, das sich pulverisiert und mit dem verdampften Wasser die Wolken bildet.

Und wenn der Krater weiterwandert?
Das kann passieren. Dann landet er wieder unter dem Gletscher und das Spiel geht von vorne los. Es kann also sein, dass wir in den nächsten zwei Jahren mehr als einmal Probleme im Luftraum bekommen.

Wie häufig sind Ausbrüche wie auf Island?
Zu explosiver Vulkantätigkeit mit Säulen bis 15 Kilometer kommt es weltweit alle ein bis zwei Jahre. Meistens jedoch in abgelegenen Gegenden. Jetzt ist noch hinzugekommen, dass der Jetstream ausgerechnet über Island liegt und das Material sauber über die Nordhemisphäre verteilt. Der Jetstream wandert jedes Jahr von Norden nach Süden und befindet sich jeweils im April genau über Island. Das macht es für uns so mühsam.

Beeinflusst der Vulkan unser Klima?
Der grösste Vulkanausbruch des 20. Jahrhunderts, der Pinatubo im Jahr 1991, kühlte das Klima tatsächlich vorübergehend ab. Der Grund waren Aschepartikel, die die Sonneneinstrahlung vermindern. Der Pinatubo hat allerdings rund 15 Kubikkilometer Material ausgestossen. Beim isländischen Vulkan waren es beim letzten Ausbruch 1821 etwa 1 Kubikkilometer. Deshalb würde ich nicht mit Klimaauswirkungen rechnen. Wenn er mehrere Monate mit der jetzigen Intensität aktiv bleiben sollte, dann ist es aber möglich, dass wir nächstes Jahr eine leichte Abkühlung bemerken.

Gibt es noch weitere Vulkane, die uns Sorge bereiten sollten?
Weltweit gibt es über 2000 aktive Vulkane. In jeder Erdregion finden sich Vulkane, die gefährlich sind und überwacht werden. In der Nähe ist die Situation bei Neapel ungemütlich. Der Vesuv ist eher ruhig, aber bei den nahe gelegenen Phlegräischen Feldern ist das Magma relativ weit oben. In der Vergangenheit waren Ausbrüche sehr explosiv.

Ein Ausbruch könnte ähnliche Folgen haben wie jetzt der isländische Vulkan?
Das wäre möglich. Es ist zwar ein anderer Vulkantyp, aber auch einer, der pendelt zwischen ausfliessen und explodieren. Vor 100 Jahren gab es einen relativ harmlosen Ausbruch. Vor 10000 Jahren hingegen war dort mit geschätzten 100 Kubikkilometern eine der grössten Eruptionen in Europa überhaupt.

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