Von Maurizio Minetti*

Am Donnerstag war es so weit. Das Social Network Twitter erlebte den ersten Handelstag an der New Yorker Börse. Der Börsenstart war fulminant, die Nachfrage nach dem Papier hoch. Aktuell wird Twitter mit über 30 Milliarden Dollar bewertet. Und dies, obwohl sich Twitter noch im Investitionsmodus befindet und auf Jahre hinaus rote Zahlen schreiben wird. Kritiker erinnern deshalb an das Dotcom-Debakel zu Beginn der Nulljahre. Auch damals wurden unprofitable Internetfirmen hoch bewertet. Aus den Ideen wurde in vielen Fällen nichts und die Börsenblase platzte.

Was Twitter (deutsch: Gezwitscher) ist, ist schnell erklärt: ein kostenloser Online-Dienst, womit man in maximal 140 Zeichen der Welt mitteilen kann, was einem gerade so einfällt. So harmlos wie dies klingt, war die Plattform anfänglich auch wirklich. Heute hat Twitter seine Unschuld längst verloren. Ein falscher Twitter-Eintrag – Tweet genannt – kann die Karriere kosten, wie im Fall eines SVP-Politikers im Sommer 2012.

Auch Bundesräte haben Erfahrungen gemacht mit Twitter – meist negative. Für Diskussionsstoff sorgte im vergangenen Sommer ein seltsamer Tweet von Bundesrat Alain Berset im Zusammenhang mit dem US-Whistleblower Bradley Manning. Bersets Twitter-Konto sei gehackt worden, hiess es damals. Und sein Kollege Ueli Maurer sorgte dafür, dass Anfang Oktober ein fiktiver Twitter-Account unter Maurers Namen geschlossen wurde: «Somit schliessen wir den Vorhang! – So long, and thanks for all the fish!», twitterte der Nutzer, der sich einige Monate lang über Maurer lustig gemacht hatte. International wurde die Macht von Twitter vielen erst 2011 bewusst, als Demonstranten im Nahen Osten Netzwerke wie Twitter oder Facebook nutzten, um ihren Widerstand gegen repressive Regimes zu organisieren.

Informationen verbreiten sich auf Twitter rasend schnell. Möglich macht dies die Interaktion zwischen den Nutzern. Dieses Mitmachweb oder Web 2.0 ist das, was heutige Internetgiganten wie Google oder Facebook von jenen unterscheidet, die beim Platzen der Dotcom-Blase untergingen. Der Nutzer steht heute im Mittelpunkt. Er bekommt in der Regel alles gratis und bezahlt mit seinen Daten. Darauf baut auch Twitter. Je mehr Twitter über seine Nutzer weiss, desto bessere Argumente hat Twitter bei den Werbetreibenden. Deshalb geniesst Twitter bei den Investoren ein so hohes Ansehen. Nutzerdaten sind wichtiger geworden als kurzfristige Gewinne.

Twitter steht dennoch vor zwei fundamentalen Problemen. Das Unternehmen lebt von Werbung, die in der sogenannten Timeline der Nutzer angezeigt wird. Dort ist nicht viel Platz. Ebenso wenig Platz hat es auf den mobilen Geräten, die derzeit so en vogue sind: Smartphones und Tablets. Twitter muss also erfinderisch werden, um den Werbeumsatz ankurbeln zu können.

Werbetreibende lockt man mit Nutzern an. Doch davon hat Twitter noch nicht sehr viele. Weil Twitter komplizierter als Facebook ist und viele Nutzer nicht auf allen Hochzeiten tanzen wollen, ist das User-Wachstum für Twitter das zweite grosse Problem. Facebook wird mittlerweile von 1,2 Milliarden Menschen benutzt. Twitter hingegen gilt immer noch als Plattform für Menschen mit ausgeprägtem Sendungsbewusstsein. Kommunikationsleute, Politiker, Künstler. Will Twitter mehr Menschen erreichen und die heutige Basis von 232 Millionen aktiven Nutzern erweitern, muss sich das soziale Netzwerk öffnen und sich an Facebook annähern. Erste Anzeichen gibt es schon: Anfang dieses Jahres hat Twitter mit Vine einen Kurzvideodienst lanciert und neuerdings werden Bilder prominenter angezeigt.

Twitter-Puristen rümpfen darob die Nase. Was vor sieben Jahren mit 140 simplen Zeichen begann, entwickelt sich zu einer bunten, überbevölkerten Plattform. Einen Weg zurück gibt es aber nicht mehr. Mit dem Börsengang haben die Twitter-Gründer ihre Unschuld verloren. Jetzt gilt es, quartalsweise Erfolge zu vermelden.

* Der Autor ist leitender Redaktor beim Branchenportal inside-it.ch (@inside_it)

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