Es gibt sie noch: Zeitungsredaktoren, die sich nicht beklagen. Als «aufregendste» Arbeitsstätte im Journalismus bezeichnete Chris Cillizza, Aushängeschild der «Washington Post»-Nachrichtenredaktion, kürzlich das traditionsreiche Blatt.

Nun neigt der hyperaktive Cillizza, unter Polit-Junkies als «Fix» bekannt, zu Übertreibungen. Aber auch Paul Farhi, der besonnen wirkende Medienredaktor des Hauptstadtblattes, sagt im Gespräch: «Die Arbeitsmoral ist stark gestiegen.» Jahrelang sei die Redaktion in Sorge um den Abbau von Arbeitsplätzen gewesen, sagt Farhi. «Nun geht das Gefühl um, dass der Aufschwung hier ist.»

Verantwortlich für den Stimmungswandel ist Jeff Bezos, 50, Gründer des Internet-Warenhauses Amazon.com und steinreich – laut «Forbes» beträgt sein Vermögen 29 Milliarden Dollar. Bezos ist Besitzer der «Post». Als die Transaktion, Ablösesumme 250 Millionen Dollar, vor einem Jahr publik gemacht wurde, sorgte dies weltweit für Schlagzeilen.

Heute liegen die Motive des spät geborenen Pressebarons immer noch im Dunkeln, jedenfalls in den Augen von Medienjournalisten. Vielleicht sehe es Bezos als seine Bürgerpflicht an, eine Ikone zu retten, schrieb der angesehene Autor George Packer im Intellektuellen-Magazin «The New Yorker». Der Journalismus-Professor Steve Coll wiederum meint, Bezos hoffe, mit der «Post» das Fundament für eine «digitale Zeitung» zu legen, die rund um die Welt konsumiert werden könne – vorzugsweise auf dem Kindle, dem Tablet-Computer aus dem Hause Amazon.

Unsinn, sagt ein Mann, der es wissen muss: Martin «Marty» Baron, «Post»-Chefredaktor seit Anfang 2013, und nun Befehlsempfänger von Jeff Bezos. Seine Zeitung hege derzeit keine «globalen» Ambitionen. Vielmehr konzentriere sich die Redaktion darauf, «landesweit ein möglichst breites Publikum anzusprechen» und neue Leserinnen und Leser zu gewinnen, sagt Baron.

Die Zeitung hat in den vergangenen Jahren rasant Leser verloren. Allein zwischen März 2012 und März 2014 brach die «Post»-Auflage unter der Woche um fast 15 Prozent ein, von 507 615 auf 435 155 Exemplare. Im Internet gilt die «Post» zwar als eine der führenden Informationsquellen in den USA, doch der Einnahmeeinbruch im traditionellen Printgeschäft kann online nicht aufgefangen werden. Das Unternehmen schreibt rote Zahlen.

Anzunehmen ist, dass sich das Loch in der Kasse noch vergrössert hat. Denn der neue Eigentümer pumpt frisches Geld in seine Zeitung. Mehr als 50 neue Stellen wurden in den vergangenen Monaten geschaffen, die meisten davon in der Redaktion. «Damit ist die ‹Washington Post› eine der wenigen Zeitungen, die neue Journalisten anstellt», sagt der profilierte Medienjournalist Jim Romenesko. Und dies zahle sich seiner Meinung nach aus, wirke die «Post» doch selbstbewusster als in den Jahren zuvor.

Chefredaktor Baron sagt, Bezos bringe nicht nur Kapital ein, sondern auch «Ideen, Fragen und Anregungen». Davon könne die Redaktion derzeit nicht genug bekommen, auch wenn direkte Gespräche mit Bezos aufgrund dessen anderweitiger Verpflichtungen nur zweimal pro Monat stattfänden. Baron: «Er ermutigt uns, zu experimentieren», um den Geschmack der Leser zu treffen, ohne dabei journalistische Grundwerte aufs Spiel zu setzen.

Experimentierfreude in der «Post» – insbesondere im Internet – wie in einem Labor. Baron: «Wir probieren viel aus, innerhalb kurzer Zeit.» Ein Beispiel: «Storyline» ist ein «neuartiger Zugang», um die Auswirkungen von politischen Entscheiden auf Normalbürger zu beschreiben. Dem verantwortlichen Redaktor Jim Tankersley – ein klingender Name in Washington – steht ein Team mit vier Reportern, einem Videojournalisten und einem Grafiker zur Seite.

Die bisher publizierten Artikel erzählen, unterlegt mit bewegten Bildern, warum ein junges Paar aus Missouri es sich nicht leisten kann, Kinder zu haben, oder warum höhere Verkaufszahlen für schwere Pick-ups gleichbedeutend mit guten Nachrichten für die Volkswirtschaft sind. Ausgesprochen innovativ sind diese ersten Gehversuche nicht; andere Publikationen, von der «New York Times» über das «Wall Street Journal» bis hin zu interaktiven Angeboten wie «Vox», experimentieren schon lange mit modernen journalistischen Erzählformen.

Der Chefredaktor zeigt sich hochzufrieden über die Neuerungen der «Post»: Alles, was sein Team bisher angepackt habe, «ist erfolgreich», sagt er. Ob sein oberster Vorgesetzter dies auch so sieht, bleibt vorerst offen. Er mache sich keine falschen Vorstellungen, sagte Baron jüngst im Gespräch mit der «Huffington Post». Bald einmal komme das Ende der Flitterwochen, und Bezos werde «greifbare Resultate» sehen wollen. «Denn sind wir kein Hilfswerk.»

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