Herr Bäni, Carlos wird im neuen Dok «Zwischen Recht und Gerechtigkeit» nicht zu Wort kommen. Warum?
Hanspeter Bäni: Wir gehen zwar vom Fall Carlos aus, aber die Idee des Doks ist eine andere. Wir wollen den Umgang mit jugendlichen Straftätern in der Schweiz aufzeigen und mit anderen Ländern vergleichen. Deshalb haben wir Carlos nicht angefragt.

Dennoch suchten Sie nach dem ersten Dok Kontakt zu Carlos, haben ihm einen langen Brief geschrieben.
Bäni: Ich weiss, dass er nicht gut auf mich zu sprechen ist. Auch andere Akteure haben mich kurz nach der Veröffentlichung als Bösewicht gesehen, weil ich den Fall ins Rollen gebracht habe. Sie suchten einen Schuldigen. Ich habe danach viele Gespräche geführt. Heute sehen es die meisten Beteiligten anders.

Sie selbst machen den Boulevard für die Empörungswelle verantwortlich, sprechen von einer vergifteten Kampagne. Machen Sie es sich da nicht
zu einfach?

Bäni: Ich habe keinen Skandal gesucht. Der Skandal entstand erst nach dem Film. Der «Blick» hat die Story boulevardesk verkauft und auf die Kosten gedreht. Es ging nur um die Emotionen.

Damit hätten Sie rechnen müssen. Sie haben Jugendanwalt Gürber vor der Ausstrahlung sogar auf die Sprengkraft hingewiesen.
Bäni: Ich habe mit Reaktionen gerechnet, aber dass es einer der grössten Medienhypes des Jahres werden würde, das konnte ich nicht vorhersehen. Es nahm eine unglaubliche Eigendynamik an, das hat auch mich überfordert. Viele Medien sind auf den Zug aufgesprungen. Immer neue Details wurden hervorgezerrt. Carlos werde dieses und jenes bezahlt. Wir Medienleute haben sicher nicht den besten Job gemacht.

Herr Christen, wie haben Sie den Dok über Carlos wahrgenommen?
Bäni: Pass auf, was du jetzt sagst (lacht).
Simon Christen (lacht): Im ersten Moment war auch ich überrascht. Von einem solchen Sondersetting hatte ich noch nie gehört. Das war schon erstaunlich.

Also verstehen Sie die Empörung?
Christen: Unser Jugendstrafrecht wird dem Sühnegedanken nur sehr mässig gerecht, es geht primär um die Resozialisierung des Täters. Deshalb ist es verständlich, dass viele Opfer grosse Mühe damit haben, wie die Täter in der Schweiz behandelt werden.

Im kommenden Dok-Film blicken Sie ins Ausland. Wie wird es dort gehandhabt?
Christen: In den USA gibt es zum Beispiel Bootcamps. Jugendliche werden wie im Militär gedrillt und angeschrien. Das ist mindestens so hart wie in einem Gefängnis. Eine repräsentative Umfrage hat gezeigt, dass sich fast 70 Prozent der Schweizer ein Bootcamp für unsere renitenten Jugendlichen wünschen.

Sie auch?
Christen: Wir machen keinen Werbespot für eines der Systeme. Uns geht es darum, ein realistisches Bild vom Schweizer Jugendstrafrecht zu vermitteln und mit dem Ausland zu vergleichen. Dann kann sich jeder seine Meinung bilden. Das Schweizer System findet Anklang im Ausland. Russland reformiert seinen Jugendstrafvollzug seit 2009 und orientiert sich dabei an der Schweiz.

Russland will Sondersettings wie bei Carlos?
Christen: Wohl kaum. Aber die Russen wollen einen Paradigmenwechsel, der sich am Kern unseres Jugendstrafrechts orientiert: weg von reinen Strafen, hin zu Erziehungsmassnahmen, die auf die Person zugeschnitten sind.

Das unterstützen auch viele Schweizer. Stossend waren die 29 000 Franken im Monat, die für Carlos bezahlt wurden.
Bäni: Es ist unbestritten, dass die Leute mit den Kosten Mühe haben, wenn sie sich nie mit der Materie befasst haben. Die Frage ist, ob man den Sühnegedanken hervorhebt und den Jugendlichen ein paar Jahre ins Loch steckt und damit wahrscheinlich einen Kriminellen generiert. So handhaben es die Amerikaner: Umerziehen und erniedrigen. Letztlich geht es darum: Wie viel ist die Gesellschaft bereit zu zahlen, um einen Jugendlichen wieder einzugliedern?

Klingt, als wollten Sie Gürbers Setting im Nachhinein reinwaschen.
Bäni: Nein, überhaupt nicht. Die Wertung überlassen wir den Zuschauern. Jeder hat das Recht, empört zu sein, wenn er es so sieht.

Gürber erhielt nach dem Dok Morddrohungen und wurde krank. Haben Sie im Nachhinein ein schlechtes Gewissen?
Bäni: Nein, das würde ja heissen, dass ich vorsätzlich etwas falsch gemacht habe. Ich habe mit offenen Karten gespielt. Rückblickend habe ich aber einen falschen Film gemacht. Ich würde es heute anders machen. Wenn ich gewusst hätte, was er auslöst, hätte ich Gürbers Privatleben weggelassen und mich ganz auf das Jugendstrafrecht konzentriert. Damals wusste ich aber nicht, dass Carlos ein Einzelfall war.
Christen: Es ist für mich schwer nachvollziehbar, wieso dir Gürber gerade einen so aussergewöhnlichen Fall gezeigt und die Brisanz dermassen unterschätzt hat. Vermutlich war es eine Mischung aus Berufsblindheit und Eitelkeit: Er wollte wahrscheinlich zeigen, dass er selbst in einem so schwierigen Fall wie Carlos etwas aufbauen kann, das wirkt. Carlos hat ja Fortschritte gemacht.

Um Gürber ist es ruhig geworden. Kommt er im neuen Film vor?
Bäni: Ich stehe seit dem Dok mit ihm in Kontakt. Er wird im Film vorkommen.

Im Februar kam das Bundesgericht zum Schluss, dass die Aufhebung des Sondersettings und die erneute Inhaftierung von Carlos rechtswidrig gewesen sei. Waren Sie erleichtert?
Bäni: (überlegt lange): Ich habe es einfach zur Kenntnis genommen. Für Gürber hat es mich gefreut, weil sein Ruf ruiniert worden war. Durch das Bundesgerichtsurteil wurde er rehabilitiert.

Auch Sie mussten mit grossem Druck klarkommen. War der zweite Carlos- Film ein Stück weit Therapie für Sie?
Bäni: Therapie? Nein, aber ich habe einiges gelernt. Der zweite Dok geht sicher differenzierter mit dem Jugendstrafrecht um als der erste. Darin wurden zwar wichtige Fragen gestellt, zwei Minuten später hatte Gürber aber bereits Schlangen um den Hals. Es war eben ein Porträt über den Jugendanwalt, es ging nicht in erster Linie um Carlos. Ich bin froh, nun an einem Film mitgewirkt zu haben, der alle Aspekte abdeckt. Das hat mir gutgetan.

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