Sie waren als Reporterin an vielen Kriegsschauplätzen. Nun wird in Paris geschossen. Ist die Welt unsicherer geworden, oder ist die Gewalt nur geografisch näher gekommen?
Christiane Amanpour: Die Welt ist eindeutig gefährlicher geworden. Ich habe gerade den Präsidenten von Afghanistan Ashraf Ghani interviewt. Und wenn Sie sich erinnern: al-Kaida plante in Afghanistan den Anschlag auf das World Trade Center. Die USA und ihre Alliierten zogen in den Krieg. Aber dann gingen sie, bevor der Job erledigt war, und hasteten in einen unüberlegten Krieg im Irak. Jetzt sehen wir den Wiederaufstieg von al-Kaida in Afghanistan, wie mir der Präsident gesagt hat. Und auch Isis wächst. Unsere politische Führung denkt zu kurzfristig, und darum heben diese hässlichen Schlangen ihren Kopf wieder. Die Welt ist ein sehr viel unsicherer Ort geworden.

Sie kennen viele der Staatschefs und Wirtschaftsführer aus Ihrer Talk-Show. Nun treffen Sie sie hier am Weltwirtschaftsforum WEF. Wie ist die Stimmung?
Es gab im Vorfeld des WEF gute Nachrichten. Iran ist zurück im Weltmarkt, und die Welt ist dank dem Nuklearabkommen sicherer geworden. Das hebt auch hier am WEF bei vielen die Stimmung. Gleichzeitig sind andere beunruhigt, etwa Saudi-Arabien. Sie fehlen hier oben schmerzlich. Ein Ausgleich zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran wäre wichtig, um die Konflikte in der Region zu lösen.

Verbessert das WEF wirklich die Welt, wie es in seinem Slogan heisst?
Um ehrlich zu sein: Ich weiss es nicht. Es ist eine gute Frage, welche die Presse hier stellen sollte.

Schadet es? Davos ist im Moment ein Paradies für Lobbyisten und ein Ort für intransparente Deals.
Nein, das WEF schadet nicht. Bis vielleicht auf den Stau auf den Strassen dieses schönen Bergortes. Reden ist gut. «To jaw-jaw is better than to war-war», sagte Winston Churchill. Aber ich mag Action. Ich möchte konkrete Dinge entstehen sehen. Wenn man all die Leute hierherholt und all die Sicherheitsmassnahmen trifft, dann muss auch etwas dabei herausschauen.

Was könnte denn herausschauen?
Ich bin enttäuscht, dass die Frauen am WEF immer noch massiv untervertreten sind. Ich habe es den Organisatoren gesagt: Ich kann es einfach nicht glauben, dass wir im Jahr 2016 nur eine einzige Frau auf der Bühne haben pro Veranstaltung. Wenn überhaupt! Das WEF müsste seine Macht innerhalb der Business Community nutzen und Geschlechtergerechtigkeit zur Bedingung machen, dass Firmen überhaupt am Davoser Forum teilnehmen dürfen. Wir leben im Jahr 2016, und wir Frauen haben genug. Geschlechtergleichheit ist nicht irgendein Charity-Projekt.

Viele Wirtschaftsführer sehen in Geschlechterquoten die Einschränkung ihrer unternehmerischen Freiheit?
Wenn der moralische und menschliche Imperativ bei diesen Leuten hier oben nicht funktioniert, dann wird der ökonomische Imperativ bestimmt funktionieren. Es macht wirtschaftlich Sinn, die Frauen zu ermächtigen, denn das führt zu Wirtschaftswachstum. Das kann Ihnen IWF-Chefin Christine Lagarde vorrechnen. Das WEF sollte darum mit gutem Beispiel vorangehen. Do it, WEF!

Sprechen wir über die Rolle der Medien angesichts der Flüchtlingskrise. In Deutschland demonstrieren Rechtsextreme auf der Strasse gegen die «Lügenpresse». In der Schweiz gewann die migrationskritische SVP, obwohl in den Medien eher ein positives Bild der Flüchtlinge gezeigt wurde. Haben die Medien die Flüchtlingsproblematik falsch dargestellt und sind darum für den Rechtsrutsch mitverantwortlich?
Nein, das ist Quatsch. Das hat nichts mit den Medien, aber sehr viel mit dem Gefühl von Unsicherheit auf der Welt zu tun. Austerität, gepaart mit der Flüchtlingsbewegung, welche die Folge ist des Versagens unserer Länder. Das Scheitern des Westens im Umgang mit dem Syrienkrieg führte dazu, dass die Flüchtlingsströme nun Europa erreichen und auch der Terrorismus. Die Leute sind besorgt, sie haben Angst. Leider sind manche darum empfänglich für die Lügen und die Angstmache von extremistischen, populistischen, nationalistischen Politikern. Egal, ob Rechte oder Linke. Das ist eine Schande.

Sie haben sich als Kriegsreporterin vielen Gefahren ausgesetzt. Der IS macht in Syrien und im Irak gezielt Jagd auf Journalisten. Würden Sie nach Syrien gehen?
Nein, ich gehe nicht nach Syrien, wenn ich weiss, dass die Isis-Terroristen mir dort die Kehle durchschneiden. Warum auch? Im Moment habe ich eine andere Rolle. In meiner Talk-Show konfrontiere ich die verantwortlichen Politiker mit den drängenden Fragen. Auch wenn ich nicht immer eine befriedigende Antwort bekomme.

Ausgerechnet Sie als erfahrene Kriegsreporterin würden nicht nach Syrien gehen?
Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir haben Leute vor Ort. Aber wir müssen extrem vorsichtig sein. Vor zwanzig Jahren war ich in Bosnien und erlebte den Krieg als Augenzeugin. Tag für Tag berichtete ich und zwang die Politiker hinzuschauen. Das kombinierte Gewicht der Medienberichterstattung direkt von Kriegsschauplätzen wie Sarajevo oder Srebrenica erzwang ein Umdenken im Westen. Die Tatsache, dass wir nicht in gleicher Weise aus Syrien berichten können, erlaubt unseren Regierungen, sich vor dieser Aufgabe zu drücken. Das ist ein Problem. Aber wir tun unser Bestes, um aus Syrien zu berichten. Zum Beispiel mit Augenzeugen. Bisher hat es aber nicht gereicht, um unsere Politiker zu zwingen, eine Lösung zu finden.

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