Herr Seipel, woher kommt die negative Haltung des Westens gegenüber Putin?
Hubert Seipel: Von der hohen Erwartungshaltung nach dem Fall der Mauer und dem Ende der Sowjetunion. Der Westen empfand das erst mal als Sieg. Alle dachten, dass sich die Situation in Russland dem Westen angleichen würde. Doch das war nicht der Fall. Den Russen ging es richtig schlecht. Fast 40 Prozent lebten bis ins Jahr 2000 knapp unter der Armutsgrenze. Das ist viel Holz.

Dann kam der Wechsel zu Putin.
Putin weiss, wie Macht funktioniert. Er hat gleich einige Grenzen gezogen, die dem Westen nicht gefallen haben. Denken Sie nur an die Auseinandersetzung mit Oligarch Chodorkowski. Putin hat nicht die westlichen Gesetze beachtet, sondern die russischen. Da fing die Kritik an. Danach hat sich alles hochgespielt. Die Amerikaner haben sofort das Raketenabkommen gekündigt und die Nato ausgedehnt. Und wir haben ständig gute Ratschläge gegeben, wo es langzugehen hat, was Putin ziemlich genervt hat.

Da hört man den Putin-Versteher aus Ihnen heraus.
Ich kann viele seiner Position nachvollziehen, ja. Das heisst aber nicht, dass ich sie akzeptieren muss. «Putin-Versteher», «Putin-Knutscher», hübsche Totschlagargumente. Als Journalist will ich Beweggründe verstehen, Zusammenhänge erkennen. Wir wechseln sofort auf eine Entweder-oder-Ebene. Er oder wir. Diktator oder Demokratie. Wir die Guten, er der Böse, und die Erde ist eine Scheibe. Stimmt nur leider nicht.

Jetzt übertreiben Sie.
Schauen Sie sich die Berichterstattung der letzten drei, vier Jahre an. Es ist ausschliesslich Putin, der unter dem Generalverdacht steht, ständig nur Übles zu tun. Wir werden in unserem moralischen Rigorismus nicht glaubwürdiger, wenn wir uns nur auf einen konzentrieren. Stichworte wie NSA, Tausende von toten Zivilisten durch amerikanische Drohnen in Afghanistan und Pakistan, alltäglicher Rassismus, das Mittelmeer voller ertrunkener Flüchtlinge. Wir sollten uns auf alle Weltmächte konzentrieren, dann wird unsere Kritik an Russland auch glaubwürdiger.

Warum kritisiert Putin die grossen Staatsoberhäupter nicht, wenn er sich dermassen schlecht behandelt fühlt?
Er hasst diese Form des Umgangs wie die Pest. Sie werden von Putin öffentlich nichts Negatives über Merkel oder Obama als Person hören, über das Land durchaus. Ich kann mich an keine Situation erinnern, an der er öffentlich etwas Diffamierendes gegen einen der grossen Politiker gesagt hat. Das empfindet er als rüpelhaft, als ein Mangel an Manieren und des Amtes unwürdig. In diesem Sinn ist er sehr autoritätsgläubig.

Als autoritätsgläubig wurde auch Ihr Interview mit ihm kritisiert. Die NZZ sprach von einer «Werbestunde für Herrn Putin», weil Sie kaum kritische Fragen zur Ukraine gestellt haben.
Das Handelsblatt schrieb von einer «Sternstunde des Journalismus».

Sie haben eine Chance verpasst.
Welche Chance habe ich denn verpasst? Das Thema war die Entwicklung in der Ukraine. Den Schuldspruch, er habe diese tragische Situation allein zu verantworten, haben schon hunderte Kollegen rauf und runter geschrieben.

Die hatten aber nicht die Chance, den russischen Präsidenten zu konfrontieren.
Worin besteht der journalistische Erkenntniswert, ihn weiter anzugreifen und mich als journalistisches Alphamännchen zu profilieren? Ich wollte in diesem hysterischen Moment einmal seine Sicht der Dinge erfahren.

Dann sind kritische Fragen also reiner Narzissmus für Sie?
Schön zugespitzt. Stimmt natürlich nicht. Es geht um die konkrete Situation. Wir befinden uns in Europa in einer angespannten Lage. Ich wollte etwas aus Putin rauskriegen. Das geht aber nur, wenn ich ihn möglichst lange reden lasse. Was die lieben Kollegen übersehen, ist, dass sich Putin in manchen Punkten wie jeder Politiker durchaus selber entlarvt, wenn man ihn reden lässt. Die Zuschauer sind schlau genug, um diese Momente zu erkennen.

Wie haben Sie als westlicher Journalist überhaupt sein Vertrauen gewonnen?
Ich war hartnäckig und halte bestimmte Regeln ein. Putin war ein Punkt ganz wichtig, das hat er mir gleich beim ersten Gespräch eröffnet: «Ich möchte nicht, dass Sie meiner Familie hinterhergehen», sagte er. Das war kein Problem, mit der Regenbogenpresse habe ich nichts am Hut. Auch ich hatte einige Forderungen, zum Beispiel, dass ich die Interviews nicht autorisieren lassen muss. Das hat dem Pressesprecher des Kremls zwar nicht gefallen, aber Putin hat das nicht gestört. Diesbezüglich ist er völlig unkompliziert.

Danach waren Sie monatelang mit ihm unterwegs. Hat er Sie ein bisschen vereinnahmt?
Da müssen Sie meine Frau fragen, die ist Psychoanalytikerin (schmunzelt). Politiker und Journalisten handeln mit der gleichen Währung, mit Information. Inszenierung ist Bestandteil unseres Geschäfts. Man kann Sympathie oder Antipathie nie ganz abschalten. Das ist in Berlin, Bern oder Washington nicht anders.

Ist Ihnen Putin sympathisch?
Ich finde ihn nicht unsympathisch.

Schön an der Frage vorbeigeantwortet.
Na klar (lacht).

Bewunderer hat der russische Präsident auch in Europa, sowohl im rechten als auch im linken Lager. Wie erklären Sie sich das?
Das liegt wohl daran, dass er emotional und schlagfertig ist. Das goutieren viele Menschen. Zweitens ist er quasi ein Franz Josef Strauss auf östlich. Die Menschen bewundern Präsenz und Stärke. Putin ist eine Projektionsfläche. Ich kenne keinen Politiker, der eine solche Aufmerksamkeit auf sich zieht, auch Obama nicht. Die Menschen sehen, was sie sehen wollen. Und Putin weiss sich zu inszenieren. Seine Oben-ohne-Bilder auf Pferden sind beispielsweise für russische Frauen von 35 bis 50 konzipiert. Und wissen Sie was? Das funktioniert.

Putin gibt gern den harten Kerl, an dem alles abprallt. Gibt es Kritik, die ihm nahe geht?
Ich bin nicht sein Psychoanalytiker.

Aber Sie haben Ihn lange begleitet.
Wenn ich seine persönlichen Schwachstellen kennen würde, würde ich sie Ihnen dann verraten?

Sie könnten.
(lacht) Hübscher Versuch. Auch Politiker sind Menschen mit einem Recht auf Privatsphäre.

Dann konkret: Würde es Putin hart treffen, wenn Russland die WM 2018 im Zuge des Fifa-Skandals verlieren würde?
Darüber habe ich nicht mit ihm gesprochen, deshalb kann ich kaum etwas dazu sagen. Allerdings waren die Olympischen Spiele in Sotschi sowohl für Russland als für ihn eine grosse Nummer. Darauf war er stolz. Sie waren Teil des russischen Selbstverständnisses. Kritik an den Spielen in Sotschi bezog er direkt auf sich.

Hat Putin in all den Wochen je über die Schweiz gesprochen?
Nicht dass ich wüsste. Auf jeden Fall hat er nie die Geburt eines Kindes im Tessin erwähnt (lacht).

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