VON MARTIN AMREIN

Die Sequenz gilt als erste Nacktszene der Filmgeschichte: Eine dunkelhaarige Schönheit badet in einem See und spaziert anschliessend unbekleidet während einiger Minuten durch ein Waldstück. Die Bilder des österreichischen Streifens «Ekstase» sorgten 1933 für einen weltweiten Skandal und machten die junge Hauptdarstellerin, Hedy Lamarr, über Nacht zur Berühmtheit. Viele Länder zeigten den Film nur in einer stark geschnitten Version – und selbst Papst Pius XI. empörte sich über die freizügigen Aufnahmen.

Zu Ehren dieser Hedy Lamarr feiert Europa alljährlich am 9. November den Tag der Erfinder – die Schauspielerin hätte morgen Geburtstag. Doch was hat eine der schönsten Frauen des letzten Jahrhunderts, die es im Hollywood der Dreissiger- und Vierzigerjahre bis an die Spitze schaffte, bitte schön mit europäischem Tüftlergeist zu tun? Die Antwort ist ebenso einfach wie überraschend: Die Österreicherin erfand auf dem Höhepunkt ihrer Filmkarriere ein technisches Verfahren, das eine Basis der heutigen Mobilkommunikation bildet.

Als Hedwig Kiesler erblickte die Wienerin 1913 das Licht der Welt. Ihre erste bedeutende Rolle spielte sie 1932 an der Seite von Heinz Rühmann im Film «Man braucht kein Geld». Ein Jahr danach folgte «Ekstase» und wenig später die Heirat mit dem wohlhabenden Waffenfabrikanten Fritz Mandl, der erfolglos versuchte, alle Kopien des Skandalfilms aufzukaufen und zu vernichten.

Der eifersüchtige und machtbesessene Mandl – obendrein in Geschäfte mit den Nazis verwickelt – machte Hedwig das Leben zur Hölle. Sie liess sich scheiden und floh 1938 nach Los Angeles. Dort startete sie als Hedy Lamarr eine steile Karriere und spielte in mehr als 25 Hollywood-Filmen mit, neben Legenden wie Clark Gable und Spencer Tracy. Für MGM-Studioboss Louis B. Mayer war die laszive Europäerin die «schönste Frau des Jahrhunderts», und Walt Disney zeichnete seine Aschenputtel-Figur nach ihrem Vorbild.

Bald geriet ihre Laufbahn aber ins Stocken. Hedy galt in den Studios als schwierig und wenig ambitioniert. 1958 drehte sie ihren letzten Film. Später machte sie noch mit Ladendiebstählen und einer Autobiografie voller Bettgeschichten auf sich aufmerksam, bevor sie im Jahr 2000 als vereinsamte Greisin in einem kleinen Ort in Florida starb. Die gescheiterte Hollywood-Diva wäre wohl gänzlich in Vergessenheit geraten, wäre in den Neunzigerjahren nicht der brisante Briefwechsel zwischen ihr und dem Avantgarde-Komponisten und Schriftsteller George Antheil aufgetaucht.

Dieser belegt, dass Lamarr 1940 Kontakt mit dem vielseitigen Künstler aufnahm. Zunächst nur, um mit ihm die Möglichkeiten einer Brustvergrösserung zu diskutieren – ein weiteres Spezialgebiet Antheils. Bald kamen die beiden aber auf den Krieg in Europa zu sprechen. Ein Thema, das Lamarr am Herzen lag, war sie doch jüdischer Herkunft. Bei dieser Gelegenheit schilderte sie ihre Idee, mit der sie den Kampf gegen die Nazis unterstützen wollte: eine Funksteuerung für Torpedos, die durch selbstständig wechselnde Frequenzen vor feindlichen Störversuchen sicher war.

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