Von Ruth Schneeberger

Das Netz überschlug sich nach Bekanntwerden der Bombendrohung gegen das Finale von «Germany’s Next Topmodel» auf Pro Sieben. «Hoffentlich war es keine Kalorienbombe», wurde geätzt, «Wolfgang Joop ist eine Sexbombe», «Bombastisches Finale – Heidi Klum springt das erste Mal vor Begeisterung auf». Auch wenn schnell bekannt wurde, dass keine Bombe in der Mannheimer SAP-Arena gefunden wurde: Über eine derartige Gefahr für Leib und Leben von immerhin mindestens 8500 Menschen im Publikum scherzt man eigentlich nicht in der Öffentlichkeit. Ein ähnliches Szenario nach der Evakuierung etwa eines Fussballpublikums wäre undenkbar in Deutschland.

Und nicht nur Scherze, sondern gleich ein ganzer Kübel Hass ergoss sich über Heidi Klum und die Sendung. Tenor nicht weniger Kommentatoren: Hier wäre eine Bombe doch mal eine berechtigte Sache gewesen.

Das ist zynisch und menschenverachtend. Für eine Analyse interessant daran ist trotzdem: Dieselbe Häme, von der GNTM gegenüber seinen Kandidatinnen seit zehn Jahren lebt, fällt dem Format nun auf die Füsse. Und das zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt.

Die Krise kommt zur Unzeit, denn die Quote schwächelt: Das erste Finale 2006 sahen knapp 6 Millionen Zuschauer, 2014 waren es nur noch gut 3 Millionen. Die nun abgebrochene Show am Donnerstag war die quotenmässig schlechteste der gesamten Staffel: Nur noch 2,24 Millionen Zuschauer haben zu Beginn des Finales zugesehen.

Zudem hat das Format verstärkt mit Vorwürfen der Beförderung von Magersucht zu kämpfen. Auch das ist nicht neu, neu ist jedoch eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI). Sie besagt, dass 70 von 241 befragten Frauen, die wegen Essstörungen in Behandlung waren, angeben, dass GNTM Einfluss auf ihre Erkrankung gehabt habe, starken Einfluss sogar. Der Sender weist die Kritik zurück und sagt, Übergewicht sei ja nun ein grösseres Problem als Magersucht.

Doch es gibt zum ersten Mal belastbare Zahlen über den konkreten Einfluss der Sendung auf Essstörungen beim Zielpublikum. Da half es wenig, dass Heidi Klum in der vergangenen Staffel zum Auftakt beherzt in einen Döner biss und die Kandidatinnen in der aktuellen Staffel vermehrt beim Essen von Pasta gefilmt wurden.

Ist das das Ende von «Germany’s Next Topmodel»? Schlägt der Erfolg um in zu viel negative Publicity? «Die verlorene Ehre der Heidi K.» titelte die FAZ 2014, die «Welt» nannte die Sendung nun die «hässlichste Fratze des deutschen Fernsehens». Fest steht: Heidi Klum hat schon so manche Krise gemeistert und vielen Shitstorms, die neben aller berechtigten Kritik auch mit Neid zu tun haben, getrotzt.

Das Format hat sich über zehn Jahre gewandelt und wurde immer wieder dem Zeitgeist angepasst. Anfangs als gestrenge Model-Gouvernante verspottet, gibt sich die inzwischen 41-jährige Unternehmerin aus Bergisch Gladbach zunehmend mütterlich gegenüber ihren jungen Zöglingen. Da fällt kaum noch ein barsches Wort, wie es anfangs, ganz ähnlich wie bei Bohlen und Co., damals üblich, Mode war. Das öffentliche Niedermachen Jugendlicher im TV ist spätestens seit dem Erfolg des Kuschel-Casting-Formats «The Voice of Germany» nicht mehr so angebracht, das läuft jetzt subtiler.

In der aktuellen Staffel wurde etwa die 22-jährige Darya aus München über viele Folgen hinweg zur Superzicke aufgebaut, begierig filmte die Kamera zahlreiche Ausfälle gegenüber den Mitbewerberinnen. Im Halbfinale am vergangenen Sonntag wurde Darya dann öffentlich von der Jury für ihr Benehmen abgestraft. Die Show lebt nach wie vor von ihrer ganz eigenen Mischung aus Schönheit, Scheinheiligkeit und Niedertracht.

Nun also die Bombe, die schlechten Zahlen, die Studie und der Shitstorm – möglicherweise Gründe genug für den Sender, die umstrittene Heidi Klum im nächsten Jahr durch ihre erste Gewinnerin zu ersetzen, die mittlerweile auch im TV erfolgreiche Lena Gercke, wie stellenweise gemunkelt wird?

Am nächsten Sonntag wird nun erst einmal die Verkündigung der Siegerin nachgeholt, sicherheitshalber nicht per Liveshow, kündigt Pro Sieben an. Und auch dazu gibt es schon wieder die passenden Gerüchte: Wie immer stehe die Siegerin vorher schon fest, es sei die 18-jährige Vanessa, die wir ihr grosses Vorbild Klum aus Bergisch Gladbach stammt. Der Online-News-Dienst MSN habe sich im Zuge der Aufregung um die Finalshow verplappert und die Verkündigung nicht rechtzeitig von seiner Seite entfernt, vermeldet der «Merkur».

Bis Sonntag bleibt es also spannend – für die verbliebenen Fans. Und für Sensationsgierige: Der Bombenvorfall dürfte dem Format verstärktes Interesse beim TV-Publikum einbringen, sagte Medienforscherin Joan Kristin Bleicher von der Universität Hamburg.

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