VON FELIX STRAUMANN

Laura Brown hat die Nase voll. Es herrscht Wasserknappheit, weil seit Wochen kein Regen mehr fällt: «Beim Abendessen hat Dad versucht, lauter neue Vorschriften einzuführen. Er will, dass wir uns beim Duschen (maximal 1 Minute lang) in einen Eimer stellen und das Wasser dann in den Garten schütten. Keine Spülmaschine mehr, keine Waschmaschine, eine Handwäsche pro Person in der Woche. Die Kloregel ist absolut eklig: ‹Ist es Urin, sollst du nicht ziehn – nur ein Haufen darf ersaufen.›», schreibt die Teenagerin in ihr Tagebuch. Es ist der 1. Juni 2015.

In ihrem unlängst erschienen Jugendroman «Euer schönes Leben kotzt mich an!» malt die Britin Saci Lloyd – wie viele ihrer Kollegen – ein düsteres Zukunftsbild: schwere Stürme, Energierationierung, wochenlange Trockenheit und anschliessend sintflutartige Niederschläge – und das alles in einem Jahr. Das scheint alles etwas dick aufgetragen, was sich Lloyd ausgedacht hat. Doch worauf müssen wir uns tatsächlich gefasst machen, wenn an der Weltklimakonferenz und auch später keine Einigung zustande kommt?

Ein Kontrastprogramm zum Roman von Lloyd liefert ein Bericht des OPCC, des beratenden Organs für Fragen der Klimaänderung des Bundes, aus dem Jahr 2007. Fachleute haben darin mit dem damaligen Wissensstand die Folgen des Klimawandels in der Schweiz für 2050 skizziert. Das Szenarium geht von einer Erwärmung von 3 Grad Celsius im Sommer und 2 Grad im Winter aus. Bei den Niederschlägen rechnet der Bericht mit einer Zunahme im Winter um 10 Prozent und einer Abnahme im Sommer um 20 Prozent. Gleichzeitig werden vermehrt extreme Niederschläge, Hitzewellen und Trockenperioden erwartet.

Die Folgen dieser Veränderungen betreffen alle Bereiche: Beispielsweise rechnen die Experten mit Konflikten ums Wasser zwischen Landwirtschaft (Bewässerung), Energiewirtschaft (Wasserkraft), Konsumenten und Naturschutz. Zudem wird der Wintertourismus leiden und Extremereignisse werden an Infrastruktur und in der Landwirtschaft Schäden anrichten.

Dennoch beruhigt das Fazit der Wissenschafter: Die Auswirkungen scheinen «für die Schweiz ohne gravierende gesamtgesellschaftliche Probleme bewältigbar» – mit der Einschränkung, «dass die Erwärmung im erwarteten Rahmen bleibt».

Andreas Fischlin, ETH-Klimaforscher und Mitglied beim Weltklimarat IPCC, hält den Bericht jedoch für überholt: «Inzwischen ist es fast nicht vermeidbar, dass das Klima in der Schweiz bis 2050 um mindestens 3 Grad Celsius wärmer wird.» Das vom OPCC skizzierte Szenarium wird also aus heutiger Sicht auch eintreten, wenn die Treibhausgasemissionen weltweit sofort gestoppt würden. Der Grund liegt in der verzögerten Reaktion des Klimas: Treibhausgase, die wir heute in die Luft ausstossen, wirken sich erst in rund 30 Jahren aus.

«Die einzelnen Szenarien gehen erst ab dem Jahr 2060 deutlich auseinander», sagt Sven Kotlarski, der an der ETH Zürich Klimamodellierungen macht. «2100 könnte es im Extremfall im Sommer global sechs Grad wärmer werden.» In der Schweiz wegen der besonderen geografischen Lage noch etwas mehr.

Doch diese Prognose tritt nur ein, wenn der CO -Ausstoss weiter zunimmt und sich die pessimistischsten Modellrechnungen bewahrheiten. Gänzlich unwahrscheinlich sind sie aber nicht. Trotzdem ist Kotlarski der Ansicht: «Die Schweiz ist im Vergleich gut dran, man wird mit den Veränderungen umgehen können.» Anders als Mittelmeerländer und einige Drittweltstaaten: «Dort hat man heute schon Probleme mit Wasser – die werden deutlich grösser werden.»

Für die Schweiz sind jedoch die direkten Klimafolgen nur ein Teil der künftigen Probleme. «Der grösste Einflussfaktor wird die Abhängigkeit vom Ausland», sagt Gunter Stephan, Klimaökonom an der Universität Bern. So sei zu erwarten, dass Absatzmärkte für die Exportindustrie verloren gehen, weil wegen des Klimawandels in anderen Erdgegenden die Wirtschaft zusammenbricht und es zu einer Rezession kommt.

Auf der anderen Seite könnten sich beispielsweise grosse Ernteausfälle in anderen Ländern auf Preise und den Schweizer Import auswirken. «Diese Einflüsse über den Handel dürften für die Schweiz ähnlich grosse Folgen haben wie die direkten Schäden durch den Klimawandel bei uns», so Stephan. «Die Schweiz ist eines der am stärksten exponierten Länder weltweit und müsste deshalb ein grosses Interesse an einem globalen Klimaabkommen haben.»

Bei einer Erderwärmung über 4 Grad bis Ende Jahrhundert rechnet Gunter Stephan, dass direkte und indirekte Schäden im Jahr 2100 in der Schweiz bis 6 Prozent des Bruttosozialprodukts ausmachen. «Hinzu kommen nichtmonetäre Schäden in Bereichen wie Gesundheit, Biodiversität oder Gletscherschwund.» Ausgeklammert sind dabei zahlreiche weitere Unwägbarkeiten: «Migration, Hungeraufstände, Kriege und Ähnliches haben wir in unseren Modellen nicht berücksichtigt», sagt Gunter Stephan.

Andreas Fischlin glaubt sogar, dass wir – wenn die Klimaerwärmung so weitergeht – irgendwann einmal in einen Bereich kommen, wo die Schweiz unbewohnbar wird: «Das sind schwindelerregende Gedankengänge.» Fischlin, der als Teil der Schweizer Delegation in Kopenhagen mitverhandeln wird, ist nicht zuletzt wegen solcher Risiken zuversichtlich, dass die Klimakonferenz brauchbare Resultate liefern wird: «Ich bin ein unverbesserlicher Optimist.»

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